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Mein Hörtipp: Daniel Gaede und Raphael Alpermann: J. S. Bach, Sonaten für Violine und Harpsichord

Mein Hörtipp: Daniel Gaede und Raphael Alpermann: J. S. Bach, Sonaten für Violine und Harpsichord

Darf man eigentlich mit dem Fazit einer Rezension starten? Ich weiß es nicht, mache es aber dennoch: Das ist für mich ganz klar eine der besten CDs in diesem Jahr. Ihnen reicht diese Behauptung nicht? Ok, verstehe ich. Also fange ich mal an…

Dies ist eine echte Trioplatte…für zwei Instrumente. Das sah übrigens auch der Schüler und Schwiegersohn von Johann Sebastian Bach, Johann Christoph Altnikol, so, der die Sonaten als „Sechs Trios fürs Clavier und die Violine“ bezeichnete. Die Lösung dieser kleinen Denkaufgabe ist übrigens einfach: In den im 18 Jahrhundert üblichen Sonaten für Violine und Basso Continuo hatte das Cembalo die zusätzliche Funktion des Generalbassinstrumentes, dessen Spieler diesen zweiten Part der einen Hand über einer ausnotierten Bassstimme anhand von Ziffern improvisatorisch zu erfinden hatte. Alternativ konnte z.B. aber auch eine Viola da gamba die Bassstimme spielen. Bei den hier aufgezeichneten 6 Sonaten sind zwar nicht alle als solche „Trios“ aufgebaut, aber immer spielen nur die beiden Instrumente.

Bach war ja bekanntlich nicht nur ein wahrer Meister auf der Orgel und anderen Tasteninstrumenten, sondern auch auf der Violine und besaß u.a. eine Geige des genialen Jakob Steiner. In den Sonaten für Violine Solo zeigte er die gesamte Ausdruckskraft und die musikalisch umsetzbaren Emotionen und Klangfarben des Streichinstrumentes und in seinen berühmten Werken für Tasteninstrumente erreichte er ein Niveau, das bis heute schlicht unerreicht ist. In den hier vorliegenden 6 Sonaten für Violine und Cembalo führte er beide Werkarten in einer wunderbaren Art zusammen und ließ so etwas zu Teil noch großartigeres entstehen.

Daniel Gaede, geboren 1966 in Hamburg, konzertierte als Solist u.a. mit den Wiener Philharmoniker und dem Rundfunkorchester Berlin und arbeitete z.B. mit Claudia Abbado, Riccardo Muti und Dennis Russel zusammen. Daneben hat er sich einen Namen im kammermusikalischen Kontext gemacht und spielte zahlreiche CDs bei der Deutschen Grammophon, cpo, Sony und weiterer Labels ein. Seit 2000 unterrichtet er als Professor an der staatlichen Musikhochschule in Nürnberg.

Raphael Alpermann war neben seiner Ausbildung an der Berliner Hochschule u.a. Schüler bei Gustav Leonhardt und Ton Koopman. Seit 1991 gehört er der Akademie für Alte Musik Berlin an und wirkte dort bei zahlreichen Aufnahmen als Solist mit. Er ist zudem Mitglied der Berliner Barock Solisten und debütierte 1995 bei den Berliner Philharmonikern. Er konzertierte u.a. mit Claudio Abbado, Simon Rattle und Nikolaus Harnoncourt und hat bis heute an mehr als 200 CD Aufnahmen mitgewirkt. Er unterrichtet an der Berliner Hochschule für Musik „Hans Eisler“ und an der Universität der Künste Berlin.

Diese Doppel-CD ist etwas wirklich Außergewöhnliches, denn sie ist, man kann es wirklich im positivsten Sinne so sehen, wirklich ein weiteres Dokument für die Genialität von J. S. Bach. Hier spürt man sofort, zu welcher wahren und unendlich scheinenden Meisterschaft  J. S. Bach fähig war, denn er schaffte es mit diesen 6 Sonaten nicht nur die beiden Instrumentengattungen jeweils in ihrer ganzen Perfektion wiederzugeben, sondern darüber hinausgehend deren musikalische und klangliche Möglichkeiten in einem zum Teil die Genialität der Einzelinstrumentenwerke sogar übertreffenden Zusammenspiel noch einmal zu steigern.

Und die beiden Musiker Daniel Gaede und Raphael Alpermann sind jederzeit in der Lage, diese Vorgaben, die Denk-  und kompositorischen Ansätze und Anforderungen mit Bravour und großen Können zu erfüllen und wiederzugeben. Ihr Spiel ist von einer enorm großen Virtuosität geprägt, zeigt aber ihre ganze Ausdruckskraft und ihre rhythmischen und dynamischen Fähigkeiten erst in dem von einem gemeinsamen Gedanken geprägten Zusammenspiel der beiden Instrumente.

Cembalo und Violine sind völlig gleichberechtigte Partner, die die Zuhörer:innen von Beginn an in ihren Bann ziehen. Weiche, fließende Linien in verschiedenen Tonarten mit einem schier grenzenlosen Melodienreichtum und eine klangliche Farbpalette, die sogar feinste Nuancen deutlich macht, ohne dabei jedoch nur einzelne Teile des hier so viel wichtigeren „Ganzen“ zu betonen.

5 der sechs Sonaten sind viersätzig aufgebaut und auf den jeweiligen langsameren Eingangssatz folgt sodann ein schnellerer Satz in fugierter Form, dann ein weiterer langsamer Satz in einer anderen Tonart und schließlich ein zweiter fugierter Satz. Nur die G-Dur Sonate stellt eine Ausnahme da, die hier in einer überlieferten fünfsätzigen Fassung musiziert wird.

Bach hat diese 6 Sonaten trotz der leicht wahrnehmbaren Unterschiede als einen zusammenhängenden Werkverband verstanden und in diesem Geiste und mit diesem Wissen, spielen Gaede und Alpermann sie auch. Faszinierend!

Diese CD verleitet dazu, sie nicht nur immer wieder hören zu wollen, sondern insbesondere auch dazu, sie laut zu hören. Die Musik umspielt einen dann förmlich und man ist „in der Musik“ und hört dieser nicht mehr nur zu. Gerade Aufnahmen einer Violine sind nicht immer dazu geeignet, sie wirklich laut hören zu können, da das Instrument die Wiedergabegeräte und die Zuhörer:innen zum Teil fordert.

Diese „Trios für zwei Instrumente“, von dem Komponisten, der sowohl in der Streicher- als auch der Tasteninstrumentenmusikliteratur die Maßstäbe gesetzt hat, hat mit den 6 Sonaten für Violine und Cembalo ein weiteres Wunderwerk erschaffen, dass beide Gattungen zu einer neuen kompositorisch, musikalisch und klanglich perfekt zueinanderpassenden Gattung geführt hat. Carl Philipp Emanuel Bach zählte die 6 Sonaten (BWV 1014-1019) zu den besten Arbeiten seines Vaters. Und diese CD zeigt in jeder Sekunde, dass das stimmt.

Der Klang der Doppel-CD ist hervorragend, gerade in Bezug auf die Violine. Ich will jedoch weiterhin nicht wahrhaben (verstehe aber natürlich warum), dass mir das Cembalo im Vergleich zur Violine bei vielen Aufnahmen zu „leise“ erscheint. Es erfordert an einigen Stellen die volle Konzentration der Zuhörer:innen, besonders in Passagen, in denen beide Instrumente die Führung gemeinsam übernehmen. Das geht mir übrigens bei nahezu allen CDs mit Cembalo so.

Dass TACET hier wieder „2 CDs zum Preis von einer“ anbietet, verdoppelt einfach nur die große Freude über diese Aufnahme, bei der die beiden Instrumente sowohl für sich, als auch als „Trio-Instrumente“ spielen und die Zuhörer:innen schlichtweg durch eine überragende Schönheit und menschliche Sinnlichkeit verzaubern.

Wie gesagt, das ist für mich eine der besten CDs des ganzen Jahres. Eine perfekte Aufnahme mit  Sonaten für Violine und Cembalo, und damit einem Werkverband, der den bekannten und so berühmten Werken aus den reinen Streich- und Tastenkompositionen von J. S. Bach in nichts nachsteht!

Absolut empfehlenswert!

TACET 258 Gesamtspielzeit: 83:20

https://peter-pirazzi-stiftung.de/wettbewerb/jury/daniel-gaede/

https://akamus.de/de/musiker/raphael-alpermann

www.tacet.de

Mein Hörtipp: Vadim Gluzman und das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von James Gaffigan; Beethoven und Schnittke, Violin Concertos

Mein Hörtipp: Vadim Gluzman und das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von James Gaffigan; Beethoven und Schnittke, Violin Concertos

Vadim Gluzman spielt eine Geige, die im letzten Jahr 330 Jahr alt wurde. Für mich ist dies immer wieder ein Moment, in dem ich den größten Respekt vor den Arbeiten vergangener Jahrhunderte spüre. Und dabei muss es nicht einmal ein solches Ausnahmeinstrument von Stradivari sein, das heute noch zeigt, was damals an unglaublichen Fähigkeiten bestand.

Vadim Gluzman ist als Künstler weltweit anerkannt. Sein Repertoire ist unglaublich umfangreich, er hat mit nahezu allen namhaften Orchestern und Dirigenten zusammengearbeitet und ist zudem Gründer und Leiter einiger international renommierter Festivals. Und, er ist in wahrer Meister der Violine.

Das Luzerner Sinfonieorchester ist das älteste Sinfonieorchester der Schweiz und wurde bereits 1806 gegründet und ist bekannt dafür, dass es sich u.a. sehr für Repertoireraritäten und zeitgenössische Musik einsetzt. Es erteilt zur Unterstützung der zeitgenössischen Musik u.a. zahlreiche Kompositionsaufträge und fördert besonders junge Musiker:innen.

James Gaffigan gilt als einer der herausragendsten amerikanischen Dirigenten der Gegenwart. Er war in der Zeit vom 2011 bis 2021 Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters und hat in seiner Zeit große Erfolge erzielen können und den hervorragenden Ruf des Orchesters maßgeblich mitbegründet.

Die CD beginnt mit dem Violinkonzert D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven. Mit diesem Werk läutete der Komponist eine neue Ära ein, eine in der der Solist und Orchester erstmalig gleichberechtigt gegenüberstehen. Die Virtuosität des Solisten ist zwar weiterhin gegeben, aber das Orchester ist nicht mehr nur dessen „Beiwerk“. Diesen Prinzipienwechsel macht das Werk dann gleich von Beginn an deutlich. Das vor fast auf den Tag (23.12) genau vor 215 Jahren uraufgeführte Werk bietet dennoch sowohl dem Solisten als auch dem Orchester die Möglichkeiten ihre musikalischen und interpretatorischen Vorstellungen mit einbringen zu können. Und sie tun dies hier in wunderbarer Form.

Es ist wirklich auffallend, wie die Violine mit dem Orchester zusammen musiziert und nicht in einen so häufig anzutreffenden permanenten Wettstreit tritt. Unterstützt durch die sehr gute Aufnahme, gelingt es Vadim Gluzman und dem Luzerner Sinfonieorchester eine ungemein stimmige gemeinsame Sprache zu finden. Eine, in der das Werk mit all seiner Schönheit und seinen vielfältigen Gefühlen zur Geltung kommen kann.

Gerade bei leisen und langsamen Passagen, in denen die Violine in einen gefühlvollen Dialog mit Teilen des Orchesters tritt, wird die tiefe Harmonie und die Fähigkeit der Musiker:innen, den Glanz den das Konzert bietet hell und klar erstrahlen zu lassen. Es ist selbstverständlich, dass ein Meister seines Faches wie Vadim Gluzman die Töne perfekt spielt, dennoch fällt hier ein wunderbarer, klarer, warmer und sehr reiner Ton ohne jeglichen Härten auf.

So modern dieses Konzert zur Zeit der Entstehung war, an der Tradition den Solisten in mehreren Kadenzen Raum für freie Improvisationen zu ermöglichen, hielt Beethoven weiter fest. Übrigens hat er erst mit seinem 5. Klavierkonzert mit dieser Tradition gebrochen und den Solisten dort vorkomponierte Kadenzen vorgeschrieben. Schade, dass es heute eher selten anzutreffen ist, dass in der „Klassik“ wirklich improvisiert wird. Noch bis kurz vor dem Ende des 18. Jahrhunderts war dies der Normalfall und führte sicherlich zu vielen neuen und sehr abwechslungsreichen Aufführungen.

Vadim Gluzman und das Luzerner Sinfonieorchester spielen dieses Konzert von Beethoven mit einer wunderbaren Leichtigkeit und einer Sinnlichkeit im Klang und der Setzung eigener Schwerpunkte. Sie halten die Vorgaben der neuen Form ein und lassen Solisten mit Orchester in einem „Gleich-Klang“ treten, der von vielen feinsten Finessen und einer enorm luftigen Klang-Natürlichkeit geprägt ist, ohne dabei jemals in „technische Kabinettstücken“ zu verfallen. Es erscheint alles so leicht und geradezu schwebend und selbst in den schnellen dynamischen Teilen verlieren die Musiker:innen niemals diese Spiellust und Natürlichkeit, die die Harmonie des Ganzen hier so stark prägt. Der präzise aber niemals analytisch wirkende Ton von Vadim Gluzman ist von einer ungeheuren Schönheit geprägt, warm und prägnant zugleich.

Das Konzert No. 3 von Alfred Schnittke zeigt gleich in den ersten Minuten des Werkes auf, das der Komponist die Zuhörer:innen auffordert ihm zuzuhören. Sehr genau zuzuhören, denn auch dieses Konzert beginnt solistisch und mit einer Eingangskadenz, hier jedoch einer mit Ketten aus Vierteltontrillern und führt dann direkt in eine Auseinandersetzung mit der Gattungsgeschichte u.a. durch zum Teil grenzüberschreitende musikalische Momente. 

Bereits die Besetzung unterstützt diesen Anspruch weiter, spielen hier doch 13 Bläser und ein Streichquartett zusammen und mit dem Solisten sind es praktisch drei Klangkörper, die sich gegenseitig herausfordern, sich entgegentreten, sich scheinbar bekämpfen um dann mit einem fortdauernden Wechselspiel schließlich wieder auf einem gemeinsamen Weg zueinanderzufinden.

Die Musiker:innen, allen voran Vadim Gluzman, schaffen es mit Bravour die besonderen Anforderungen an Tempi, Dynamik und Intensität zu meistern und die spielerisch erscheinenden Interaktionen der improvisatorischen Elemente des Werkes ungemein spannend darzustellen, ohne dabei ins nervige abzurutschen.

Eine wunderbare produzierte und aufgenommene CD/SACD mit zwei unterschiedlichen und gerade deshalb ungemein spannenden Violin Konzerten. Meisterhaft musiziert und besonders von Vadim Gluzman in bewundernswerter technischer und emotionaler Virtuosität gespielt.

Was hätte Stradivari wohl dazu gesagt, wenn er erfahren hätte, dass mit seinem Instrument 330 später solche wunderbar-abwechslungsreiche Musik aufgenommen wird? Musik, die wieder einmal deutlich macht, dass die „Klassik“ keineswegs zum alten Eisen gehört, wirklich gar nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat und sich heute noch immer kontinuierlich weiterentwickelt. Diese CD ist wie ein spannender abendfüllender Spielfilm, der abwechslungsreich und auf höchstem Niveau die ganze Palette der Kunstform widerspiegelt.

Phantastisch!

BIS – 2392

www.bis.se

Vadim Gluzman

http://vadimgluzman.com/

Luzerner Sinfonieorchester

https://sinfonieorchester.ch/de

James Gaffigan

Alfred Schnittke

Mein Hörtipp: Äneas Humm und Renate Rohlfing: „Embrace“

Mein Hörtipp: Äneas Humm und Renate Rohlfing: „Embrace“

Anfang Februar 2021 wurde diese CD im Sendesaal Bremen aufgezeichnet. Ein Album mit Liedern von Fanny Hensel, Franz Liszt, Viktor Ullmann und Edvard Grieg, vorgetragen und gespielt vom Bariton Äneas Humm und der Pianistin Renate Rohlfing.

Der Schweizer Bariton Äneas Humm ist Absolvent der weltbekannten Julliard School in New York und debütierte bereits im Alter von 18 Jahren am Stadttheater Bremerhaven. Sein Repertoire reicht von Monteverdi bis zu Zeitgenössischer Musik und seit vielen Jahren arbeitet er weltweit mit namhaften Orchestern und Musiker:innen zusammen. Sein besonderes Interesse liegt im Liedgesang, mit dem er bereits mit seiner ersten CD („Awakening“) mit der Pianistin Judith Polgar und zahlreichen Konzerten große Aufmerksamkeit beim Publikum und der Fachwelt erregte. Im Beethovenjahr 2020 wurde er vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier eingeladen, im Schloss Bellevue Lieder Beethovens vorzutragen.

Seine Partnerin bei dieser Aufnahme ist die hawaiianische Pianistin Renate Rohlfing, die ebenfalls ihre musikalische Ausbildung an der Julliard School erhielt. Sie ist weltweit besonders als Liedbegleiterin und Kammermusikerin geschätzt und feierte bereits Auftritte in der Carnegie Hall, der Wigmore Hall und im wunderschönen Schloss Elmau. Mit Äneas Humm bestritt sie bereits zahlreiche Auftritte bei namhaften Festivals. Auch sie war schon geladener Gast im Schloss Bellevue. Rohlfing ist Professorin am berühmten Berklee College of Music in Boston.

Äneas Humm sagt zu dieser CD: „Für uns war diese CD ein Projekt, welches uns durch diese triste Corona Zeit begleitete. In diesem Werken fanden wir Zuflucht und verweilten in ihnen. Der Titel EMBRACE erschien uns also als umfassender Name dieser geistigen Herberge als natürliche Wahl.“

Eigentlich müsste man diesem Zitat nichts mehr hinzufügen, denn es zeigt sehr schön, wie zwei herausragende Musiker:innen Liedwerke von 4 so verschiedenen Menschen in den Kontext unserer heutigen und sicher ohne Übertreibung als schwierige zu bezeichnende Zeit förmlich hineingeboren haben.

Und die Auswahl der Werke? Nun, auch die ist nicht nur nachvollziehbar, sondern fast schon zwingend konsequent, denn alle Lieder verbinden Themen wie Sehnsucht, Drang und Lust, also solche, die gerade auch den kreativen Menschen besonders in der Corona Zeit mit allen ihren Einschränkungen bewusster wurden. Äneas Humm sagt dazu: „Wir nehmen Kunst komplett neu wahr, wenn wir selbst in Isolation leben“

Ich werde hier nun keine Angriffe auf die Politik ausführen, aber deren Umgang mit Kultur und allen Kulturschaffenden in der ganzen Corona-Pandemie war und ist weiterhin eine einzige Katastrophe. Es ist erschreckend und macht einen einfach nur wütend, wenn man sieht, wie der wahre Wert der Kultur vorsätzlich ignoriert, und sogar deren Verlust oder teilweise Zerstörung offenbar toleriert wird.

Ja, es gibt wichtige Bereiche, wie die Gesundheit der Menschen, und vielleicht muss die Kultur sich einigen wichtigeren Aufgaben temporär unterordnen. Die von der Politik praktizierte Herabwürdigung auf praktisch das unterste Niveau – von den ganzen mittelbaren Folgen, die erst in den nächsten Jahren sichtbar werden mal ganz abgesehen – ist jedoch der blanke Hohn und lässt einen fast schon aggressiv werden. Praktisch jedes „Interesse“ wurde dem der Kultur bereitwillig übergeordnet. Gerade für ein Land wie Deutschland ein Armutszeugnis und der Beweis der groben Unkenntnis der Geschichte und der wahren Ressourcen des Landes der „Dichter und Denker“. Aber ich hatte ja versprochen, hier nicht noch weiter auszuholen…

Als ich die CD zum ersten Mal gehört habe, war einer meiner ersten Stichpunkte auf dem immer bereitliegenden Notizblock „Sehnsucht“. Sofort danach fiel mir die herausragende Aufnahme auf. Nicht nur technisch, sondern besonders auch deren bewusster Einsatz und deren Umsetzung, um durch und mit dieser die Atmosphäre eines Liederabends bei den Zuhörer:innen zu erzeugen. Das Laustärkeverhältnis zwischen den beiden entspricht dem der gewollten Interpretation: Sie ist gleichberechtigt. Keiner der beiden spielt sich in den Vordergrund und jeder lässt nicht nur dem jeweils anderen den so wichtigen eigenen Raum, sondern fördert diesen sogar.

Der Klang ist von Wärme geprägt und der Fokus auf den Bereich der Mitten gelegt. Die CD bietet uns die Möglichkeit schon nach wenigen Minuten in die Lieder und die Musik einzutauchen und sich von diesen „umspülen“ zu lassen. Die beiden Musiker:innen werden sehr räumlich abgebildet, was der Wiedergabe einer typischen Stimmung bei einem Live-Liederabend sehr zuträglich ist. Sogar sehr leise abgespielt, erzeugt die Aufnahme ihre magischen Wirkungen.

Für Fanny Hensel war das Komponieren der Lieder eine Art Zufluchtsort, geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit und konfrontiert die Zuhörer:innen mit ihren tiefen inneren Gefühlen und Emotionen. Wunderbare kleine Liedperlen, jede für sich eine Schönheit und alle 4 zusammen eine besondere musikalische und textliche Reise.

Der Zyklus „Der Mensch und sein Tag“ von Viktor Ullmann entstand 1943 unter wohl kaum vorstellbaren Bedingungen im Ghetto Theresienstadt und Ullmann selbst sagte hierzu, dass Theresienstadt seine musikalische Produktivität gefördert habe, was deutlich macht, welche Kraft die Musik und die Kunst hat, so dass diese den Menschen selbst in solchen unmenschlichen Umgebungen Halt und Hoffnung und Selbstachtung geben kann.

Ich möchte in diesem Zusammenhang an die Worte von Viktor Frankl erinnern, die mir sofort wieder einfielen. Er sagte, dass man Menschen in Konzentrationslagern alles nehmen konnte nur nicht deren letzte Freiheit sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen.

Erstaunlich die Lieder des Norwegers Edvard Grieg, der bei diesen nur auf deutsche Gedichte aus der Klassik und der Romantik zugegriffen hat und auf keinen einzigen norwegischen Dichter.

Schließlich sind die auf der CD zu findenden Leider des großen Franz Liszt von unglaublich großer Ausdruckskraft und ganz besonders die Interpretation der berühmten Verse von Goethe „Über allen Wipfeln ist Ruh“ will nicht nur sprichwörtlich alles irdische überwinden und die Zuhörer:innen auf musikalischen Wege erlösen.

Diese CD ist in der Lage, einen nicht nur in die Musik hineinzuziehen, sondern auch deren Wirkung so stark und unmittelbar zu spüren, dass es einem nicht gelingt, einfach nur zuzuhören. Man will sich den ungemein zarten Wendungen der Musik und des Gesangs hingeben, man brennt förmlich darauf, die Worte der Leider zu erfahren und deren inhaltlichen „Auflösung“ entgegenzufiebern.

Diese CD macht etwas mit den Menschen, die sich auf sie einlassen. Sie verleitet sie dazu, die Augen zu schließen, um so jede kleinste visuelle Ablenkung zu vermeiden. Sie zwingt einen dazu, die Stimmungen der Lieder durch eigene auch körperliche Reaktionen zu „beantworten“. Ich habe mich mehrfach dabei erwischt, die meist langsam fließenden Harmonien durch Hand- oder Kopfbewegungen zu begleiten. Viel Melancholie, die über eine zum Teil tiefe Traurigkeit und Bedrücktheit dann jedoch zu Glücksmomenten führt, die wiederum von einer großen Zufriedenheit gekrönt werden.

Mein Fazit? Ich möchte dazu das letzte Lied der CD heranziehen, das von Edvard Grieg stammt: „Ein Traum“. Ein Traum, der uns in eine Welt entführt, die gerade aus den Angeln gehoben zu sein scheint und der uns zufrieden macht und uns, zumindest für eine kurze Zeit, so intensiv mit dem „Hier und Jetzt“ fest verbindet und verbrüdert.

Ein Traum – in jeder Hinsicht!

Rondeau Production

Hier noch ein paar Infos zu den Musiker:innen und ein paar Videotipps:

https://www.aeneashumm.com/

https://www.renaterohlfing.com/

Die Vorstellung der CD durch die beiden Musiker:innen selbst und ein Konzertbeispiel:

Hier die Webseite des Labels mit Hörbeispielen:

https://www.rondeau.de/Saenger/Bariton/Aeneas-Humm/Aeneas-Humm-Embrace::515.html

Musik zum 1. Advent: G.F. Händel: Messiah

Musik zum 1. Advent: G.F. Händel: Messiah

Bereits zu seinen Lebzeiten, wurden Teile des Messiah auch zur Weihnachtszeit gespielt und diese Tradition hat sich dann über England hinaus praktisch weltweit verbreitet. Eigentlich aber ist es ein Oratorium, das Händel für die Osterzeit erschaffen hatte.

Hier eine meiner Meinung nach außergwöhnlich schöne Umsetzung. Ein wunderbares Konzert zur Einstimmung auf die Adventszeit, die leider in diesem Jahr wieder durch die schrecklichen Folgen der Pandemie beeinflusst wird.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben einen schönen ersten Advent und viel Vergnügen mit diesem großartigen Meisterwerk der Musikgeschichte.

https://www.youtube.com/c/AcademyofAncientMusic/videos

Hier noch ein bekannter Flashmob zum „Hallelujah“ aus dem Jahr 2010, der wirklich gelungen ist:

Konzert mit Marie-Luise Hinrichs

Konzert mit Marie-Luise Hinrichs

Liebe Musikfreund*innen,

hiermit möchte ich euch herzlich zu meinem Adventskonzert am 9. Dezember um 19 Uhr in der Krankenhauskirche Hohenlind in der Werthmannstraße 1 in 50935  Köln ( Lindenthal) einladen.

Auf dem Programm stehen meine eigenen Variationen & Arrangements von Advents-und Weihnachtsliedern, Sonaten von Padre Antonio Soler und Domenico Scarlatti und von Hildegard von Bingen „O viridissima virga“.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr in mein Konzert kommen würdet.

Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen.

Herzliche Grüße,

Eure Marie-Luise Hinrichs

http://www.marie-luise-hinrichs.de

Mein Hörtipp: Domenico Scarlatti, Complete Piano Sonatas, K. 177 – K. 205 mit Christoph Ullrich

Mein Hörtipp: Domenico Scarlatti, Complete Piano Sonatas, K. 177 – K. 205 mit Christoph Ullrich

Also meinen Respekt hat er schon länger, der Pianist Christoph Ullrich. Spätestens seit 2010, dem Zeitpunkt, als er erklärte, dass er tatsächlich alle 555 Cembalosonaten von Domenico Scarlatti auf einem modernen Steinway Flügel einspielen wolle. Dieser wurde, um der Musik auf dem Flügel im Sinne der Möglichkeiten eines Cembalos aus der Zeit der Erschaffung der Sonaten und der vom Komponisten gewählten Tonart in der Mitte des 18. Jahrhunderts, so nahe wie möglich zu kommen, in der sog. gleichstufigen Stimmung versetzt. Übrigens ist diese nicht mit der bekannten wohltemperierten Stimmung zu verwechseln, die u.a. durch Werke von J.S. Bach bekannt geworden ist. In dem auch hier wieder sehr gut gemachten Booklet der CD werden die weiteren Hintergründe ausführlich dargestellt.

Nun, Ullrich hatte sich also 2010 dazu entschlossen das gesamte Sonatenwerk einzuspielen, hat sich aber, was den wunderbaren Pianisten nur noch sympathischer macht, schon sehr bald eingestehen müssen, dass er die Tragweite seines Vorhabens wohl unterschätzt habe. Und es waren nicht die Technik, die hohen spielerischen Herausforderungen oder der schiere Zeitaufwand, es war die Erkenntnis, dass er nun wohl noch mal über viele Jahre „die Schulbank“ werde drücken müssen, beim Lehrer Domenico Scarlatti. Dieser hat Vorgaben definiert, die wirklich ungewöhnlich sind, denn bei ihm können sich Dynamik, Tempo, Artikulation Pausen oder die so wichtigen Anschlagstechniken in einem Höchstmaß immer wieder blitzschnell verändern. Die Cembalosonaten sind geprägt von einer enormen Variabilität. Deren damit verbunden immer neuen hohen Anforderungen an die Technik der Musiker:innen führen im Ergebnis fast schon zu einer Art Akrobatik, die in dieser Kraft und Stärke wohl erst später wieder, und zwar von Chopin oder Liszt, als neuer „Standard“ für solche technischen Höhenflüge wieder auflebten.

Wichtig bei Scarlatti ist aber insbesondere auch, dass er eine sehr hohe Durchhörbarkeit verlangt, was insbesondere die unmittelbare Klarheit der Aufführung betrifft. So sagt Ullrich selbst, dass es seiner Meinung nach nur bei Mozart eine ähnliche Forderung in dieser Ausprägung gebe. Und so gibt er sich mit großer Freude seinem großen Lehrmeister Scarlatti und seiner „Schule der Geläufigkeit“ gerne hin, und wird dies auch weiterhin tun, um sein Ziel der kompletten Einspielung zu erreichen.

Es ist erstaunlich, wie es Ullrich hier geschafft hat, die Musik dieses Genies in den historischen und individuellen kompositorischen Kontext zu fassen, den er hier als erforderlich und als Ergebnis seiner intensiven Beschäftigung damit ansieht. Seine Erfahrungen reichen mit Sicherheit dafür aus, umfasst seine Diskografie doch u.a. zahlreiche CDs mit Werken von J.S. Bach, Mozart und Schubert. Wunderbar übrigens seine Winterreise mit dem Bariton Matthias Horn.

Ok, seit 2001 spielt er nun also die Cembalosonaten von Scarlatti ein und legt hier in der Doppel-CD („Zum Preis von einer“) „Volume 5“ ein weiteres Werk auf seinem langen Weg der Gesamteinspielung vor, die schon jetzt mehrfach für anerkannte Preise nominiert wurden.

Die CD hat übrigens noch ein kleines Schmankerl, nämlich eine knapp 6:30 min lange Improvisation des Klarinettisten Ib Hausmann, die viel mehr ist, als eine Art Zugabe, zeigt sie doch die besondere Fähigkeit dieses Musikers, die Brücken zwischen Klassik und Moderne so wunderbar und leicht zu beschreiten.

Aufgenommen wurde die Doppel-CD in der bekannten Jesus-Christus-Kirche Dahlem auf einem großen und extrem klangstarken Steinway D 274. Produziert und aufgenommen vom großartigen du liebenswerten Musikliebhaber Andreas Spreer und seinem TACET Label. Damit ist dann auch gleich klar, dass es hier auch klanglich (wieder) ein herausragendes Ergebnis geben musste, denn das Label und Spreer stehen genau dafür. Seit vielen Jahren. Und die Zuhörer:innen werden nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Die Aufnahme ist phantastisch und jederzeit in der Lage, den großen Flügel ohne die bei einem Steinway D 274 aufgrund seiner klanglichen Machtfülle nicht selten anzutreffenden „harte“ klangliche Wiedergabe der Töne, aufzuzeichnen und dennoch einfach richtig wiederzugeben.

Das Klangbild ist räumlich, sehr vom vollständigen Ein- und Ausschwingen der Saiten geprägt und, wie gesagt, es driftet nie in eine leichte Nervigkeit ab, die gerade bei Klavier-Solo-Einspielungen schnell passieren kann.

Und die Musik?

Nun: bei einer solchen Gesamteinspielung auf einzelne Sonaten besonders einzugehen, ist wohl müßig. Die vorliegenden CDs zeigen das auf, was Ullrich vor Jahren begonnen hat, und was ihn noch viele Jahre beschäftigen wird. Und das alles in der oben beschriebenen Herangehensweise. Ullrich sagt, dass ihm diese Musik unendlichen Reichtum schenke, und dem ist nichts hinzuzufügen, denn das sagt es eigentlich sehr gut. Diese Musik gibt den Zuhörer:nnen so unheimlich viel und gerade die sehr subtile Auseinandersetzung von Ullrich mit den Sonaten macht dies möglich. Seine so intensive Beschäftigung mit dem Werk Scarlattis hört man einfach. Viele tänzerischen Passagen mit zum Teil trillerartigen Tonfolgen und ein Verlieren in immer neue Quintenzirkel machen einfach Spaß und zeigen, meist jedoch erst beim zweiten konzentrierteren Zuhören deutlich, welche technischen und interpretatorischen Anforderungen hier „spielend leicht“ von Christoph Ullrich so souverän bewältigt werden. Und nur wenige Töne später schwelgt man in ruhigen von großen Melodienreichtum geprägte Passagen, die dann, manchmal fast schon ruckartig wieder in die klassischen Scarlatti Läufe wechseln.

Hier spielt nicht jemand ein paar Werke aus dem großen Katalog eines wundervollen Komponisten ein, hier legt ein Musiker sein ganzen Herz, sein Ich, offen. Er zeigt uns seine Sicht auf die Musik, seine Art diese zu verstehen, zu verinnerlichen und sie, seinen Vorstellungen entsprechend, den Zuhörer:innen zu präsentieren. Ein tief-emotionales Ergebnis eines Menschen und Musikers, der nicht nur die Werke selbst „spielt“, sondern quasi die gesamten in seine Werke einfließenden Kenntnisse und Gefühle Scarlattis in einen Tonträger für die Unendlichkeit zu bannen.

Wunderschöne Musik, um einfach nur zuzuhören, aber zugleich auch Musik, mit der man sich immer mehr und eindringlicher, tiefergehend befassen kann und bei der man mit jedem neuen Hören immer neue kleine Bravourstücke erfahren kann. Musik, die Spaß macht und dennoch so viel mehr sein kann, wenn man sich ihr wirklich öffnet. So wie Christoph Ullrich.

Hier spannende und unerwartete Tempowechsel und dort dann eine geradezu sprudelnde Dynamik und immer wieder die für Scarlatti so typischen fließenden und von sich tragender Schönheit geprägter Klavierläufe. Das ist wahre Poesie umgesetzt in Tönen.

Es bleibt zu hoffen, dass Christoph Ullrich sein Vorhaben vollenden wird und uns allen seine ganz persönliche Sicht der Cembalosonaten von Domenico Scarlatti für immer zur Verfügung stellen wird.

Diese Doppel-CD ist ein weiterer Meilenstein in einem ebensolchen Mammutwerk. Phantastische fast 140 min höchst anspruchsvoller und leidenschaftlicher Kompositionskunst, virtuos und mit erkennbar breitem und tiefem Personen- und Werkverständnis eingespielt und schlicht perfekt aufgezeichnet! Bravo!

Unbedingt anhören!  Unten habe ich für Sie auch noch ein Video von Christoph Ullrich eingefügt, in dem er auch selbst zu seinem Scarlatti Projekt zu Worte kommt.

Tacet 267

www.tacet.de

Hier weitere Infos, u.a.  zu Christoph Ullrich und Ib Hausmann:

http://www.christophullrich.de/

https://www.ibhausmann.de/