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Eine persönliche Geschichte von Joachim Bung, dem Autor des Standardwerkes „Schweizer Präzision“

HiFi-Geräte, die mich prägten:

Meine Zwischenstation bei Dual

von Joachim Bung

Rundfunk- und Phonotechnik haben mich schon seit Kindesbeinen fasziniert. Ich erinnere ich mich an den Besuch eines Radiogeschäftes mit meinen Eltern in Mannheim – das muss um 1957 gewesen sein – wo mich eine unglaublich große Musiktruhe Stilrichtung Barock mit Lautsprecherabdeckungen aus geflammtem Rohrgeflecht beeindruckte. Bescheidener ging’s bei uns zu Hause zu. Da stand in unserem Wohnzimmerschrank ein großes Siemens-Rundfunkgerät, das wegen verschließbarer Türen und einer damals viel gepflegten Musikrichtung den Namen „Kammermusikschatulle“ trug.

Die Benennung des Kastens war ganz nach dem Geschmack meines Vaters. Der stammte aus einer Familie mit „Hausmusik“. Jedes Mitglied spielte ein Instrument, er die Violine. Oma saß am Klavier, meiner unmusikalischen Mutter wies sie die Aufgabe zu, beim Spiel wenigstens ihr Notenheft umzublättern – was sie bisweilen an der falschen Stelle tat und sich damit blamierte. Als dann in Deutschland die zweikanalige Musikübertragung Einzug hielt, kam auch bei uns eine Stereoanlage ins Haus. Über das neue Grundig-Radio klärte mich mein Vater auf, dass dies aufgrund der externen Lautsprecher ein „Steuergerät“ sei.

Grundig-Prospekt von 1959

Um die vom Radiohändler empfohlenen, im Raum frei aufzustellenden „Schallstrahler“ gab‘s ein Riesentheater. Denn meine Mutter wollte die mit Brokatstoff bespannten Boxen, deren abgespreizte Beine an den Enden mit Messing beschlagen waren, partout nicht im Wohnzimmer haben. Stattdessen kamen zwei ovale Breitbandlautsprecher Marke Eigenbau, nun ja: ins Blumenfenster. Die Basisbreite betrug allenfalls 1,20 Meter. Ich war damals erst zehn Jahre alt, hatte aber schon als Schüler irgendwie das Gefühl, dass dies nur Stückwerk sein konnte. Stereoklang nicht vernehmbar – so oft ich auch die entsprechende Taste am Steuergerät niederdrückte.

Mehr notwendiges Übel als lustvolle Beschäftigung …

Mit der neuen Musikanlage wuchs die Schallplattensammlung der Eltern. Jedes Wochenende – damals wurde am Samstag noch halbtags gearbeitet – brachte mein Vater aus der Stadt eine neue LP der Deutschen Grammophon-Gesellschaft oder eine der noch teureren „Archiv-Produktion“ mit nach Haus. Unser Plattenspieler war jetzt ein automatischer Dual 1006.

Dual 1006 mi „Katzenkrallen“

Nach dem Start des Wechslers schwenkte der Tonarm zunächst zur Plattenmitte und fuhr unter dem Tonkopf ähnlich den Krallen einer Katze ein kleines „Fahrwerk“ mit Rollen aus. Der Arm senkte sich auf die drehende Platte und wanderte dann, auf den Röllchen laufend, quer über’s Vinyl bis zu deren Rand. Nachdem so der Durchmesser (17, 25 oder 30 Zentimeter) der Scheibe und damit der Aufsetzpunkt ermittelt worden war, hob der Arm kurz von der Platte ab, zog die „Krallen“ wieder ein und begann dann mit dem eigentlichen Abspielvorgang.

Nie wäre mein Vater auf den Gedanken gekommen, dieses „Rillennachschneidegerät“ mit Kristallsystem bedenklich zu finden. Dass es oberhalb der Preisklasse von vielleicht 200 DM noch eine andere Liga an Abspielgeräten wie Lenco L 70, PE 33 Studio, Garrard 301 oder gar Thorens TD 124 mit Platten schonendem Magnettonabnehmer gibt – davon hatte er keine Ahnung. Allerdings befand sich unser Familienoberhaupt in guter Gesellschaft mit anderen Klassikfreunden, die zwar das absolute Gehör besaßen, jedoch HiFi-Technik – wenn überhaupt – eher als notwendiges Übel denn als lustvolle Beschäftigung betrachteten. Mir Phonobegeistertem ging diese Technikferne schwer auf den Geist.

Dann kam Dual …

Um endlich ungestört Beatles, Stones & Co. zu hören, träumte ich wie die meisten meiner Altersgenossen schon von einer eigenen Stereoanlage. Damals unterlag Unterhaltungselektronik noch der strikten Preisbindung. Dann aber kursierte auf dem Schulhof die Nachricht, dass ein Großhändler in Bad Soden Dual mit 20 Prozent Nachlass verkauft – eine Sensation! Was für mich nach dem Abitur dann Ansporn war, bei einem Stahlhandel im Frankfurter Osthafen vier Wochen lang einen Aktenkeller aufzuräumen. Mit dem ersten sauer verdienten Geld ging’s dann sofort zum Großhandel, um überglücklich eine komplette HiFi-Anlage von Dual in Empfang zu nehmen.

Dual-Spitzenplattenspieler 1019, gebaut von 1966 bis 1968

Mein Traum-Plattenspieler war der überaus erfolgreiche Dual 1019 mit seinem 3,2 Kilogramm schweren Teller, den der Schwarzwälder Hersteller vor allem in den USA wie geschnitten Brot verkaufte. Doch leider, leider reichten meine Finanzen nur für das nächst kleinere Modell, den Dual 1015. Ein Einstiegsgerät in die HiFi-Klasse, das aber mit Antiskating, Magnettonabnehmer von Shure und dem heiß begehrten hydraulischen Armlift schon ordentlich ausgestattet war. Da natürlich alles von Dual sein musste, kam als Transistorverstärker der CV 40 und als Boxen zwei CL 40 ins Haus.

Lang währte die Begeisterung über „Schwarzwälder Präzision von Weltruf“ allerdings nicht: Schon nach wenigen Monaten versagte beim Plattenspieler die Automatik. Ich habe Höllenqualen durchlitten während der drei Wochen, in denen der Dual zur Reparatur war und ich keine Schallplatten hören konnte. Nach dem „Dual-Desaster“ habe ich nie wieder nur einen Plattenspieler in meiner HiFi-Anlage betrieben.

Transistor-Verstärker Dual CV 40 mit Holzleisten

Meine Eltern nervten mich damals immer mehr, ich solle meine Musik nicht so laut stellen, denn ich ließ es gern „krachen“ und spielte dabei „Luftgitarre“. Also musste ein Stereo-Kopfhörer her. Doch dann der nächste Schock: Dafür bot nämlich der CV 40 auf der Frontplatte keine Anschlussmöglichkeit. Den Hörer musste ich dann umständlich an der Rückseite des Verstärkers an den Lautsprecheranschlüssen per Adapter betreiben. Das konnte es nicht sein – eine Lösung, die mir absolut gegen den Strich ging. Ebenso die Tatsache, dass dieser Verstärker neben dem unvermeidlichen Nussbaum- Gehäuse eine Rückwand (und sogar die Bodenplatte!) aus brauner Presspappe besaß.

Damit war das Schicksal meiner Dual-Anlage schon nach einem halben Jahr besiegelt. Den Ausschlag zur Trennung gaben ein gut sortierter Frankfurter HiFi-Händler, die neuen Verstärker- und Tuner-Boliden aus Japan und die Überzeugungskraft eines außergewöhnlichen Verkäufers. Darum geht es im zweiten Teil meines Beitrags – über HiFi-Geräte, die mich prägten.