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Mein Hörtipp: Richard Dubugnon: Klavieriana, Chamber Symphonies No 1 & 2, musiziert von Noriko Ogawa und dem Musikkollegium Winterthur, Leitung Thomas Zehetmair

Richard Dubugnon ist ein renommierter Kontrabassist, der als Rezitalist, Kammermusiker und Orchestermusiker geschätzt wird. Der 1968 geborene schweizer Musiker ist der meistaufgeführte Komponist in der Schweiz. Der mehrfache internationale Preisträger spielt mit namhaften Orchestern und Musiker:innen und hat zahlreiche Kompositionsaufträge erhalten, so u.a. vom Gewandhaus zu Leipzig, dem Orchestre de Paris und dem Los Angeles Philharmonic.

Die Pianistin, Noriko Ogawa, wird seit langem schon von der Fachpresse für ihr ungemein poetisches Spiel gelobt und gilt als eine der Expertinnen für die Musik von Claude Debussy. Zudem ist sie ebenfalls als Rezitalistin und Kammermusikerin gefragt und setzt sich u.a. sehr für „Neue Musik“ ein. Sie war daher z.B. an Uraufführungen mit Werken u.a. von Toru Takemitsu, Dai Fujikura und Graham Fitkin beteiligt und engagiert sich persönlich und leidenschaftlich für karitative Zwecke, so u. a. als Kulturbotschafterin der National Autistic Society (GB) und als Gründerin der „Jamie´s Concerts“ für autistische Kinder und ihre Eltern.

Thomas Zehetmair gilt nicht nur als herausragender Geiger, sondern insbesondere als Dirigent und Kammermusiker. Er ist Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchesters und des Musikkollegiums Winterthur und arbeitet mit vielen namhaften Orchestern weltweit zusammen. Er hat mehrere Preise erhalten, so u.a. den Preis der Deutschen Schallplattenkritik.

Das Musikkollegium Winterthur schließlich ist eines der führenden Sinfonieorchester in der Schweiz und kann auf eine wirklich sehr lange Geschichte blicken, wurde es doch bereits im Jahr 1629 gegründet. Es hat viele nationale und internationale Preise gewonnen und setzt sich besonders für Jugendprojekte ein, mit denen junge Künstler:innen gefördert werden.

Das erste Werk auf der CD, die Kammersymphonie Nr. 1 von Richard Dubugnon, steht in formaler Hinsicht wohl den Kompositionen von Arnold Schönberg und Franz Schrekers nahe. Wie bei allen seinen Werken, nutzt der Komponist auch hier eine sehr facettenreiche Instrumentation und bietet so den Solist:innen und dem Orchestern große Entfaltungsmöglichkeiten. Aber die Werke fordern die Musiker:innen in technischer und interpretatorischer Hinsicht.

Das Klavierkonzert „Klavieriana“ lässt auf sehr humorvolle Art Schumanns Kreisleriana durchklingen und ist mit vielen Facetten und Einfällen komponiert, so z.B. dem Einsatz einer Celesta, die quasi wie ein geheimnisvoller Spiegel des eigentlichen Klaviers als eine Art „Geistersolist“ fungiert.

Das dritte und letzte Werk auf dem Album, die Kammersymphonie Nr. 2, ist als eine Auftragsarbeit eine direkte und sehr persönliche Hommage des Komponisten an das Musikkollegium Winterthur und dessen Musiker:innen vom 17. Jahrhundert bis heute und an Johann Sebastian Bach.

Die beiden Kammersymphonien sind keine, die sich an bereits bestehende „anlehnen“ oder diese ganz oder teilweise übernehmen wollen. Gerade die nur rund 16 min lange Kammersymphonie Nr. 1 schöpft jedoch schon das ganze Klangpotenzial des Kammerorchesters Winterthur voll aus und die Musiker:innen schaffen es auf wunderbare Weise vom ersten Ton an bei den Zuhörer:innen den klanglichen Eindruck eines großen Symphonieorchesters entstehen zu lassen. Immer wieder sind es aber die Solist:innen, die die Chance bekommen, sich zu präsentieren und dies mit großer Bravour tun. So wird der Grundcharakter, den der Komponist selbst als „spannungsvoll und brillant“ bezeichnet, immer wieder von ruhigen Passagen unter- und durchbrochen, die eine sehr gelassene und fast schön „tänzelnde“ Stimmung entstehen lassen. Die klassische Wiener und Pariser Handschrift sind beide erkennbar und werden von Dubugnon nicht geleugnet.

Die zweite Kammersymphonie ist nicht nur länger als die Nr. 1, sondern von deren Instrumentation her zudem etwas anspruchsvoller. Die mit einer Chaconne startende Symphonie gipfelt schließlich an ihrem Ende in einem großen Accelerando…mit einigen kleinen (klanglichen) Überraschungen. Das Kammerorchester Winterthur meistert diese Anforderungen nicht nur, es scheint förmlich darin aufzugehen. Vielleicht wollen die Musiker:innen das schließlich ihnen selbst gewidmete Werk mit besonderer Inbrunst darbringen? Die Spannungsbögen und die Dynamik sind jedenfalls schlichtweg perfekt und halten die innere Stimmung mit großer Hingabe aufrecht.

Das Klavieriana ist geprägt vom Dialog des Kammerorchesters mit der bei dieser Einspielung wieder herausragenden Pianisten Noriko Ogawa, deren großer Steinway D Flügel in einer sehr harmonischen klanglichen Balance abgebildet wird. Gerade die unterschiedlichen Lautstärken des Flügels im Vergleich zur Celesta sind wunderbar gewählt und unterstützen die vom Komponisten gewählten inhaltliche Ideen. Gerade in den leisen, fließenden und träumerischen Klavierpassagen zeigt Ogawa wieder eine besondere Klasse, denn hier sind es viel mehr feine Nuancen und klang-farbliche Schattierungen, die solche Passagen zu etwas ganz Besonderem machen. Einfach großartig!

Eine ungemein abwechslungsreiche und mit vielen musikalischen und kompositorischen Ideen gespickte CD mit vielfältigen und wechselnden Melodienläufen, ruhigen fast schon besinnlichen Passagen und großartigen kleinen und großen dynamischen Explosionen.

Schön, dass es so viele heute lebende Komponist:innen gibt, deren Werke nicht verglichen werden sollten mit denen vergangener Epochen. Wenn wir uns alle angewöhnen, heute komponierte Musik als ein Ergebnis dessen zu sehen, was uns heute alle betrifft, ergibt sich vielleicht für viele Menschen mehr ein neuer Zugang dazu. Sie sind es wert und diese CD zeigt dies mehr als deutlich auf.

Die in diesem Jahr beim schwedischen BIS Label erschienene SACD wurde im Jahr im September 2019 im Stadthaus Winterthur in der Schweiz aufgenommen und ist klanglich sowohl in ihrer SACD als auch der CD-Wiedergabe hervorragend. Die räumliche Staffelung ist vorbildlich und die vielen von Dubugnon ganz bewusst eingesetzten lauten und leisen Elemente werden einfach richtig wiedergegeben. Die klangliche Balance ist perfekt und die nicht selten schwierig aufzunehmende große Dynamik eines Orchesters ist absolut stimmig.

Sehr zu empfehlen! Eine echte Entdeckungsreise, an der man gerne teilnimmt und an die man sich gerne erinnert. Gut, wenn man sie mit der eigenen CD sooft man will wiederholen kann…

Hier ein paar Links zu den Musiker:innen, dem Orchester, dem BIS Label und dem Vertrieb und ein paar Videotipps und ganz unten noch meine Rezension einer weiteren Aufnahme mit Noriko Ogawa:

Richard Dubungnon

Noriko Ogawa

https://www.norikoogawa.co.uk/

Thomas Zehetmair

Musikkollegium Winterthur

https://www.musikkollegium.ch/de/

BIS Label

https://bis.se/

Vertrieb Klassik Center

https://classicdisc.de/