Seite wählen
Mein Hörtipp: Abdullah Ibrahim: „Solotude“. Mit vielen Video- und Musikbeispielen

Mein Hörtipp: Abdullah Ibrahim: „Solotude“. Mit vielen Video- und Musikbeispielen

Abdullah Ibrahim gibt eigentlich jedes Jahr zu seinem Geburtstag ein Konzert. Aufgrund der Coronabeschränkungen war aber zum 86. Geburtstag des Pianisten am 09.10. 2020 „nur“ ein Solokonzert ohne Zuschauer:innen möglich. Auch wenn es nun vielleicht komisch klingen mag, meine ich, dass hier die Beschränkungen im Ergebnis zu etwas ganz großartigem geführt haben. Das Album „Solotude“ ist etwas wirklich ganz Besonderes. Es erscheint als CD und auf LP.

Der Konzertsaal des 500 Jahre alten Hirzinger-Hotels in Söllhuben, Riedering (im Landkreis Rosenheim) ist bekannt für seine wahrlich herausragende Akustik und somit war selbst unter den so lange schon währenden Beschränkungen ein Setting geschaffen worden, dass die Möglichkeit für einen wundervollen Abend geben konnte. Und es wurde einer.

20 eigene Kompositionen von und mit einem Musiker, der weit mehr ist, als nur „der bekannte Jazz-Pianist“. Der Südafrikaner Abdullah Ibrahim hat mit seiner Anti-Apartheid-Hymne „Mannenberg“ die inoffizielle Nationalhymne Südafrikas geschrieben. Kein Wunder, dass ihn Nelson Mandela bei seiner eigenen Amtseinführung als „unseren Mozart“ bezeichnete. Der japanische Kaiser verlieh ihm sogar im Frühjahr 2020 den „Orden der aufgehenden Sonne“ in Anerkennung seines Lebenswerks mit dem er die Menschen in Südafrika und der gesamten Welt durch seine besondere Musik emanzipiert hat.

Wer sein letztes Album kennt, 2019 erschienen unter dem Titel „The Balance“, kann hier eine weitere neue und doch irgendwie bekannte Seite dieses Ausnahmemusiker entdecken, der in seinem langen und intensiven Musikerleben übrigens u.a. mit Größen wie Duke Ellington, Max Roach, Ornette Coleman oder John Coltrane zusammengespielt hat.

„Solutude“ ist ein sehr persönliches Album geworden und der Titel ist „unterzeichnet“ mit dem zweiten Headlines: „My Journey, My Vision“

In den Liner Notes führt Abdullah Ibrahim aus:

Als ich 6 Jahre alt war spielte ich meinen ersten Ton auf dem Klavier mit dem Zeigefinger. Jetzt, 80 Jahre und 10 Finger später – eine Reise, die mich von Kapstadt in alle Ecken und Winkel der Welt führte – spielt der Zeigefinger unverhüllt sich selbst – die eine Note der universellen Einheit. Mein Urgroßvater zeigte mir mit seinem Zeigefinger die verborgene Kalahari-Traumzeit-Essenz der Pflanzen, Blumen, Tiere und Klänge der fernen Hügel. Ich war 6 Jahr jung.

Die 20 Songs sind in einer eher ruhigen Grundstimmung verfasst. Jeder Musiker weiß, dass es gerade die langsamen, die leisen, zarten Tönen sind, die im Ergebnis viel schwieriger zu spielen sind, als die schnellen, lauten, bei denen man sich leicht hinter einer Technik und Virtuosität verstecken kann. Wer mit ruhigen Tönen zu überzeugen weiß, braucht keine Effekthascherei. Aber nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass es sich um eine durchweg langsame Ausrichtung handelt, die Songs sind bereits in sich jeweils selbst enorm abwechslungsreich. Was Ibrahim hier abliefert, ist großartig, denn immer wieder sind es kurze rhythmische Parts, die sich mit zum Teil längeren Melodien von subtiler Schönheit abwechseln.

Ja, es sind Melodien von träumerischem Fluss, die plötzlich fast schon swingenden Parts gegenüberstehen. Ibrahim baut auf, schwelgt, wechselt und kehrt zurück zum ursprünglichen Thema. Einfachen aber nicht simpel!

Motive, die so gespielt werden, dass sie den Eindruck vermitteln, dass diese Stimmung, dieser musikalische Fluss so unendlich weiterfließen könnte. Das Feeling des ganzen Albums ist geprägt von einer großen inneren Ästhetik, die nur Musiker:innen zu erzeugen im Stande sind, deren Repertoire in gleichem Maße gefestigt ist, wie deren Lebens-Erfahrungen und ihre fundierten Kenntnissen in vielen verschiedenen Kunstformen. 

Es gibt auf diesem Album so viele geradezu zauberhafte Momente, in denen man meint, die Gedanken des Künstlers fast schon hören, erfahren zu können.

Es gibt Passagen, in denen man als Zuhörer:in praktisch selbst die Melodie wird.

Es ist schwer in Wort zu fassen, aber vielleicht kennen Sie die Solokonzerte von Keith Jarrett. Neben den eigentlichen als Gesamtkunstwerk entstandenen phantastischen Soloimprovisationen, gibt es gerade bei ihm immer wieder kurze melodische Passagen von einprägsamer und fast überirdischer Schönheit. Nein, dieses Album hat keine solche kurzen und wohl in der Jazz-Soloklavierliteratur einmaligen Stellen, aber es hat viele längere Passagen oder gar ganze Songs, die sich „fast“ auf dem Niveau dieser wohl einmaligen „Jarrett Melodien“ befinden.

Diese Musik macht etwas mit einem…

Man denkt nicht nach, wenn man zuhört. Man denkt mit. Mit der Musik und den unmittelbar durch die Töne erzeugte Gefühle, die nicht auf einen einwirken, sondern zeitgleich in einem selbst entstehen. Nicht als Reaktion auf die Musik, sondern durch ein Erleben der Musik in Echtzeit. Sie trägt den Zuhörer und wie bei einer hervorragenden Improvisation ist es nicht das Handeln auf einen Impuls, sondern das Handel und ein Hören mit dem Impuls. Dem Impuls selbst.

Das ist große wahrlich Kunst und einer der besten Solo-Klaviereinspielungen, die ich jemals gehört habe.

Übrigens lebt Abdullah Ibrahim seit einigen Jahren im Chiemgau, wenn er nicht gerade wieder auf Tournee ist. Und so kommt zu der Weisheit, den unendlichen Erfahrungsschatz, die Erfahrungen und diese einfach bestehende Kompetenz auch noch die dortige unglaublich schöne Natur mit hinzu.

Ich meine auch diese in der Musik zu hören, wodurch sie eine weitere Empfindung in mir erzeugt, die mir persönlich so viel gibt: Frieden, begründet durch die überwältigenden Schönheit und Harmonie der Natur.  

Alles in einer Aufnahme, die für mich schon heute einen Meilenstein darstellt. Einen, der nicht nur in Coronazeiten mit allen ihren Beschränkungen so deutlich macht, wie wichtig die Kunst für uns Menschen ist.

Überlebenswichtig.

Neue CD (UND LP!) von: A Place to Bury Strangers: „See Through You“

Neue CD (UND LP!) von: A Place to Bury Strangers: „See Through You“

Nach der EP „Hologram“ aus dem Herbst 2021 lassen die Noise-Rock- und Shoegaze-Spezialisten A Place to Bury Strangers aus New York das neue Album „See Through You“ folgen. Es erscheint auf CD, Vinyl und digital am 11.3.2022 auf Dedstrange, Redeye / Bertus Musikvertrieb.    

APTBS widerlegen auf ihrem 6. Album „See Through You“, das am 11.März 2022 auf Oliver Ackermanns Label Dedstrange erscheint, die Post-Punk-Orthodoxie mit dem kühnsten und abwechslungsreichsten Songwriting ihrer Karriere.  
Nach der hochgelobten EP „Hologram“ liefert die neu formierte Band, jetzt bestehend aus Sänger und Gitarrist Oliver Ackermann, Schlagzeugerin und Sängerin Sandra Fedowitz sowie Bassist John Fedowitz (beide von Ceremony East Coast), ein wildes Set futuristischer elektronischer Punkmusik, verschlüsselt mit strafenden Industrial-Rhythmen, wirbelnden, spannungsgeladenen Gitarren und unklassifizierbarer auditiver Eindringlichkeit. Ein vollfrontaler Impact der harten Art; APTBS lassen die Synapsen Alarm schlagen.          

Mit 13 Tracks, die in der Abgeschiedenheit während der nihilistischen Absurdität der COVI-19–Pandemie aufgenommen wurden, ist „See Through You“ der Beweis dafür, dass die als „The Loudest Band in New York“ gefeierte Formation immer noch neue Wege findet, die Nadel noch tiefer in den roten Bereich zu drücken. Oder gar darüber hinaus.   Wer nach den 3 Singles und dem Albumrelease noch nicht im völlig APTBS-Rausch oszilliert, wird mit den zahlreichen Konzerten in Deutschland, der Schweiz und in diversen europäischen Städten die Möglichkeit bekommen, sich gänzlich dem innig-intensiven Wahnsinnssog des US-amerikanischen Trios hinzugeben.

https://www.youtube.com/watch?v=Yam-47uEkvQ

Bis Album-Release am 4.2.22 erscheinen 3 Singles
16.11.21   „Let’s See Each Other“ (UPC: 634457079700)
07.12.21   „Hold On Tight“ (UPC: 634457081147)
18.01.22   „I’m Hurt“ (UPC: 634457081154)

Live 2022
Deutschland + Schweiz
Wed 3/9 – Hamburg, Germany at Hafenklang
Thu 3/10 – Dresden, Germamy at Beatpol
Tue 3/29 – Zurich, Switzerland at Bogen F
Wed 3/30 – Munich, Germany at Backstage
Thu 3/31 – Martigny, Switzerland at Caves Du Memoir
Tues 4/5 – Munster, Germamy at Gleis 22
Tue 4/12 – Berlin, Germany at Hole 44 
Wed 4/13 – Cologne, Germany at MTC

EU/UK:
Fri 3/11 – Warsaw, Poland at Klub Poglos
Sat 3/12 – Prague, Czech Republic at Futurum
Sun 3/13 – Bratislava, Slovakia at Randal Club
Mon 3/14 – Budapest, Hungary at Durer Kert
Wed 3/16 – Bucharest, Romania at Control Club
Thu 3.17 – Sofia, Bulgaria at Mixtape5
Fri 3/18 – Thessaloniki, Greece at Eightball
Sat 3/19 – Athens, Greece at Temple
Mon 3/21 – Skopje, Macedonia at 25th of May Hall
Tue 3/22 – Belgrade, Serbia at Club Drugstore
Thu 3/24 – Croatia, Zagreb at Mochvara
Fri 3/25 – Bologna, Italy at Freakout Club
Sat 3/26 – Rome Italy at Largo
Sun 3/27 – Milan, Italy at Legend Club
Fri 4/1 – Paris, France TBD
Sat 4/2 – London, UK at Lafayette
Mon 4/4 – Antwerp, Belgium at Kayka
Wed 4/6 – Amsterdam, Netherlands at Melkweg
Thu 4/7 – Groningen, Netherlands at Vera
Sat 4/9 – Stockholm, Sweden at Hus 7
Sun 4/10 – Oslo, Norway at John Dee
Mon 4/11 – Denmark, Copenhagen at Pumpejuset

Interessanter Podcast auf WDR 3. Jazz in NRW mit Pablo Held und seinem neuen Album

Interessanter Podcast auf WDR 3. Jazz in NRW mit Pablo Held und seinem neuen Album

Thomas Loewner stellt das neue Album des Pianisten Pablo Held vor und blickt in die interessante Jazz-Szene in NRW.

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/jazz/audio-der-blick-in-die-jazzszene-nrws-der-pianist-pablo-held-100.html

Hier das neue Album: Meet me at the Loft

https://pabloheld.bandcamp.com/album/meet-me-at-the-loft

Quelle Screen-Shot/Bild und Podcast:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/jazz/audio-der-blick-in-die-jazzszene-nrws-der-pianist-pablo-held-100.html

Hier ein Video dieses tollen Musikers:

https://www.youtube.com/c/PabloHeldmusic/playlists

https://pabloheld.com/de/

Heute erscheint das neue Solo Album von Abdullah Ibrahim „Solotude“

Heute erscheint das neue Solo Album von Abdullah Ibrahim „Solotude“

Aufgenommen im für seine außerordentliche Akustik bekannten Konzertsaal des 500 Jahre alten Hirzinger-Hotels in Söllhuben, Riedering im oberbayerischen Landkreis Rosenheim im Rahmen des jährlichen Geburtstagskonzertes des Künstlers:

Abdullah Ibrahim – „Solotude“

Das Solo-Piano-Album, inkl. zahlreicher signifikanter Stücke wie „Trieste My Love“, „Blue Bolero“, „Did You Hear That Sound?“ und „Dreamtime“

Der legendäre südafrikanische Pianist und Komponist Abdullah Ibrahim veröffentlicht heute sein neues Solo-Piano-Album „Solotude“ auf CD und LP (Gearbox Records, The Orchard / Bertus Musikvertrieb.

Das Album erscheint über das Londoner Label Gearbox Records, The Orchard / Bertus Musikvertrieb (Binker & Moses, Don Cherry, Bastian Keb, Thelonius Monk, Thiago Nassif, Sarathy Korwar, Theon Cross, Graham Costello). Aufgenommen wurden die 20 Tracks während des pandemiebedingten Lockdowns ohne Publikum. Es handelt sich um eine Solo-Piano-Performance des 86-Jährigen, die sich perfekt für diesen Raum eignet. Wegen der coronabedingten Einschränkungen zum Zeitpunkt der Aufnahme wurde das traditionelle jährliche Konzert, das Ibrahim zu seinem Geburtstag gibt, durch die Aufnahmesession zu diesem Album ersetzt.

„Solotude“ ist zugleich nachdenklich, wehmütig und erhebend, und selbst beim Solospiel ist der Künstler in der Lage, zahlreiche moderne Jazz-Stile zu durchqueren, wenn er beliebte Songs und Titel des letzten Albums sowie einige neue Kompositionen wie „In-Tempo“, „Once Upon A Midnight“ und „Signal On A Hill“ neu interpretiert.


Infos zu „Solotude“

Abdullah Ibrahim: Piano, all pieces composed by Abdullah Ibrahim
Recorded live at Hirzinger, Söllhuben, Riedering, Deutschland
Mastered and cut by Caspar Sutton-Jones at Gearbox Records Graphic design by Alan Foulkes

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist ab2.jpg
Neue Single von Binker and Moses: “ Feed Indinite“

Neue Single von Binker and Moses: “ Feed Indinite“

Binker and Moses

Feed Infinite, Avantgarde pur: Aufregender, frischer Jazz-Sound aus London:

Aufstrebendes Duo Binker and Moses veröffentlicht

neue Single „Feed Infinite“

Binker Golding und Moses Boyd

Am 01.12.2021 veröffentlichten die Londoner Contemporary-Jazz-Pioniere Binker and Moses mit der neuen Single „Feed Infinite“ ein aufregendes Musikstück der Extraklasse. Der Track ist das erste neue Material der Band seit ihrem viel beachteten Album „Journey To The Mountain Of Forever“ aus dem Jahr 2017 und den nachfolgenden Live-Alben „Alive In The East?“ und „Escape The Flames“. Die neue Single erscheint auf dem renommierten Jazz-Label Gearbox Records (Abdullah Ibrahim, Graham Costello, Chiminyo, The Cookers, Levitation Orchestra).

Moses Boyd zur neuen Single: „When the opportunity came up to record it was quite last minute. We had no material planned but just a concept. Really, we took a huge leap of faith and went in the studio empty-handed. The only concept I had was this idea of feeding our Improvisation through these different machines / configurations in the studio.“

Binker Golding: „In order to expand the sound of the saxophone and drums, we decided to ask Max Luthert to assist us on modular. Most of what you hear coming from the modular is actually a re-ordering of acoustic sax and drums.“

Mein Hörtipp: Domenico Scarlatti, Complete Piano Sonatas, K. 177 – K. 205 mit Christoph Ullrich

Mein Hörtipp: Domenico Scarlatti, Complete Piano Sonatas, K. 177 – K. 205 mit Christoph Ullrich

Also meinen Respekt hat er schon länger, der Pianist Christoph Ullrich. Spätestens seit 2010, dem Zeitpunkt, als er erklärte, dass er tatsächlich alle 555 Cembalosonaten von Domenico Scarlatti auf einem modernen Steinway Flügel einspielen wolle. Dieser wurde, um der Musik auf dem Flügel im Sinne der Möglichkeiten eines Cembalos aus der Zeit der Erschaffung der Sonaten und der vom Komponisten gewählten Tonart in der Mitte des 18. Jahrhunderts, so nahe wie möglich zu kommen, in der sog. gleichstufigen Stimmung versetzt. Übrigens ist diese nicht mit der bekannten wohltemperierten Stimmung zu verwechseln, die u.a. durch Werke von J.S. Bach bekannt geworden ist. In dem auch hier wieder sehr gut gemachten Booklet der CD werden die weiteren Hintergründe ausführlich dargestellt.

Nun, Ullrich hatte sich also 2010 dazu entschlossen das gesamte Sonatenwerk einzuspielen, hat sich aber, was den wunderbaren Pianisten nur noch sympathischer macht, schon sehr bald eingestehen müssen, dass er die Tragweite seines Vorhabens wohl unterschätzt habe. Und es waren nicht die Technik, die hohen spielerischen Herausforderungen oder der schiere Zeitaufwand, es war die Erkenntnis, dass er nun wohl noch mal über viele Jahre „die Schulbank“ werde drücken müssen, beim Lehrer Domenico Scarlatti. Dieser hat Vorgaben definiert, die wirklich ungewöhnlich sind, denn bei ihm können sich Dynamik, Tempo, Artikulation Pausen oder die so wichtigen Anschlagstechniken in einem Höchstmaß immer wieder blitzschnell verändern. Die Cembalosonaten sind geprägt von einer enormen Variabilität. Deren damit verbunden immer neuen hohen Anforderungen an die Technik der Musiker:innen führen im Ergebnis fast schon zu einer Art Akrobatik, die in dieser Kraft und Stärke wohl erst später wieder, und zwar von Chopin oder Liszt, als neuer „Standard“ für solche technischen Höhenflüge wieder auflebten.

Wichtig bei Scarlatti ist aber insbesondere auch, dass er eine sehr hohe Durchhörbarkeit verlangt, was insbesondere die unmittelbare Klarheit der Aufführung betrifft. So sagt Ullrich selbst, dass es seiner Meinung nach nur bei Mozart eine ähnliche Forderung in dieser Ausprägung gebe. Und so gibt er sich mit großer Freude seinem großen Lehrmeister Scarlatti und seiner „Schule der Geläufigkeit“ gerne hin, und wird dies auch weiterhin tun, um sein Ziel der kompletten Einspielung zu erreichen.

Es ist erstaunlich, wie es Ullrich hier geschafft hat, die Musik dieses Genies in den historischen und individuellen kompositorischen Kontext zu fassen, den er hier als erforderlich und als Ergebnis seiner intensiven Beschäftigung damit ansieht. Seine Erfahrungen reichen mit Sicherheit dafür aus, umfasst seine Diskografie doch u.a. zahlreiche CDs mit Werken von J.S. Bach, Mozart und Schubert. Wunderbar übrigens seine Winterreise mit dem Bariton Matthias Horn.

Ok, seit 2001 spielt er nun also die Cembalosonaten von Scarlatti ein und legt hier in der Doppel-CD („Zum Preis von einer“) „Volume 5“ ein weiteres Werk auf seinem langen Weg der Gesamteinspielung vor, die schon jetzt mehrfach für anerkannte Preise nominiert wurden.

Die CD hat übrigens noch ein kleines Schmankerl, nämlich eine knapp 6:30 min lange Improvisation des Klarinettisten Ib Hausmann, die viel mehr ist, als eine Art Zugabe, zeigt sie doch die besondere Fähigkeit dieses Musikers, die Brücken zwischen Klassik und Moderne so wunderbar und leicht zu beschreiten.

Aufgenommen wurde die Doppel-CD in der bekannten Jesus-Christus-Kirche Dahlem auf einem großen und extrem klangstarken Steinway D 274. Produziert und aufgenommen vom großartigen du liebenswerten Musikliebhaber Andreas Spreer und seinem TACET Label. Damit ist dann auch gleich klar, dass es hier auch klanglich (wieder) ein herausragendes Ergebnis geben musste, denn das Label und Spreer stehen genau dafür. Seit vielen Jahren. Und die Zuhörer:innen werden nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Die Aufnahme ist phantastisch und jederzeit in der Lage, den großen Flügel ohne die bei einem Steinway D 274 aufgrund seiner klanglichen Machtfülle nicht selten anzutreffenden „harte“ klangliche Wiedergabe der Töne, aufzuzeichnen und dennoch einfach richtig wiederzugeben.

Das Klangbild ist räumlich, sehr vom vollständigen Ein- und Ausschwingen der Saiten geprägt und, wie gesagt, es driftet nie in eine leichte Nervigkeit ab, die gerade bei Klavier-Solo-Einspielungen schnell passieren kann.

Und die Musik?

Nun: bei einer solchen Gesamteinspielung auf einzelne Sonaten besonders einzugehen, ist wohl müßig. Die vorliegenden CDs zeigen das auf, was Ullrich vor Jahren begonnen hat, und was ihn noch viele Jahre beschäftigen wird. Und das alles in der oben beschriebenen Herangehensweise. Ullrich sagt, dass ihm diese Musik unendlichen Reichtum schenke, und dem ist nichts hinzuzufügen, denn das sagt es eigentlich sehr gut. Diese Musik gibt den Zuhörer:nnen so unheimlich viel und gerade die sehr subtile Auseinandersetzung von Ullrich mit den Sonaten macht dies möglich. Seine so intensive Beschäftigung mit dem Werk Scarlattis hört man einfach. Viele tänzerischen Passagen mit zum Teil trillerartigen Tonfolgen und ein Verlieren in immer neue Quintenzirkel machen einfach Spaß und zeigen, meist jedoch erst beim zweiten konzentrierteren Zuhören deutlich, welche technischen und interpretatorischen Anforderungen hier „spielend leicht“ von Christoph Ullrich so souverän bewältigt werden. Und nur wenige Töne später schwelgt man in ruhigen von großen Melodienreichtum geprägte Passagen, die dann, manchmal fast schon ruckartig wieder in die klassischen Scarlatti Läufe wechseln.

Hier spielt nicht jemand ein paar Werke aus dem großen Katalog eines wundervollen Komponisten ein, hier legt ein Musiker sein ganzen Herz, sein Ich, offen. Er zeigt uns seine Sicht auf die Musik, seine Art diese zu verstehen, zu verinnerlichen und sie, seinen Vorstellungen entsprechend, den Zuhörer:innen zu präsentieren. Ein tief-emotionales Ergebnis eines Menschen und Musikers, der nicht nur die Werke selbst „spielt“, sondern quasi die gesamten in seine Werke einfließenden Kenntnisse und Gefühle Scarlattis in einen Tonträger für die Unendlichkeit zu bannen.

Wunderschöne Musik, um einfach nur zuzuhören, aber zugleich auch Musik, mit der man sich immer mehr und eindringlicher, tiefergehend befassen kann und bei der man mit jedem neuen Hören immer neue kleine Bravourstücke erfahren kann. Musik, die Spaß macht und dennoch so viel mehr sein kann, wenn man sich ihr wirklich öffnet. So wie Christoph Ullrich.

Hier spannende und unerwartete Tempowechsel und dort dann eine geradezu sprudelnde Dynamik und immer wieder die für Scarlatti so typischen fließenden und von sich tragender Schönheit geprägter Klavierläufe. Das ist wahre Poesie umgesetzt in Tönen.

Es bleibt zu hoffen, dass Christoph Ullrich sein Vorhaben vollenden wird und uns allen seine ganz persönliche Sicht der Cembalosonaten von Domenico Scarlatti für immer zur Verfügung stellen wird.

Diese Doppel-CD ist ein weiterer Meilenstein in einem ebensolchen Mammutwerk. Phantastische fast 140 min höchst anspruchsvoller und leidenschaftlicher Kompositionskunst, virtuos und mit erkennbar breitem und tiefem Personen- und Werkverständnis eingespielt und schlicht perfekt aufgezeichnet! Bravo!

Unbedingt anhören!  Unten habe ich für Sie auch noch ein Video von Christoph Ullrich eingefügt, in dem er auch selbst zu seinem Scarlatti Projekt zu Worte kommt.

Tacet 267

www.tacet.de

Hier weitere Infos, u.a.  zu Christoph Ullrich und Ib Hausmann:

http://www.christophullrich.de/

https://www.ibhausmann.de/