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Besessen von Originalität und Authentizität. Drei frühe LPs von Roy Orbison waren wieder zu haben – stereofon und monaural

Besessen von Originalität und Authentizität. Drei frühe LPs von Roy Orbison waren wieder zu haben – stereofon und monaural

Ein Beitrag von Joachim Bung

Roy Orbison zählt sicher zu den Großen in der Geschichte der Rockmusik.

Auch wenn ihn Rockfans der härteren Gangart als Intonator süßlicher Schnulzengesänge glattweg ablehnen. Wenn man seine großen Hits der Monument-Ära hört – „Only The Lonely“, „In Dreams“, Blue Bayou“ und ein Dutzend andere –, wenn man wirklich hinhört, ja, dann packt es einen. Es sind „Schnulzen“ ganz besonderer Klasse. Das geht ans Gemüt, das strapaziert längst tot geglaubte Nervenpartien. Schnulzen? Ich glaube nein. Roys Songs sind gefühlvolle Balladen, geschickt konzipiert, bravourös vorgetragen – einfach verdammt gut. Anfang 2000 sind drei seiner raren Monument-LPs in einem bisher nicht gekannten Standard wieder erschienen.

Seine große Zeit hatte der Texaner, als er bei Monument Records, einem gerade aus dem Ei geschlüpften Label, von 1959 bis 1965 unter Vertrag stand. Bei Monument entwickelte er zusammen mit Produzent Fred Foster den unverwechselbaren Orbison-Sound – umrahmt von Streichern und (dum, dum, dum dummy-doo-wah) einem Chor. Viele Songs schrieb der 1988 im Alter von 52 Jahren gestorbene Sänger selbst, unterstützt von Joe Melson und Bill Dees. Aber die Samtstimme hatte auch rockigere Töne zu bieten, etwa mit den Titeln „Dance!“, „Mean Woman Blues“ und „Oh Pretty Woman“. Auch bei mir drehte sich „Pretty Woman“ – eine der wenigen Singles, die ich mir 1964 als Schüler leisten konnte – wochenlang auf dem Plattenteller.

Gesuchte LPs der Monument-Ära

Nach über 50 Jahren zählen viele Rock‘n‘Roll-LPs aus der Zeit vor 1965 zu den Raritäten. Zum einen war populäre Musik auf Langspielplatten damals noch kaum verbreitet. Zum anderen ist es schwierig, von diesen Schallplatten, die von ihren jugendlichen Besitzern oft nicht pfleglich behandelt wurden, noch gut erhaltene Exemplare aufzutreiben. Teuer auf dem Sammlermarkt sind vor allen die seltenen Stereo-Versionen, die Anfang der 1960er Jahre wegen des noch geringen Verbreitungsgrades stereotüchtiger Plattenspieler in sehr begrenzter Stückzahl gepresst wurden. Das gilt auch für die Monument-LPs von Roy Orbison „Lonely And Blue“ (1960), „Crying“ (1961) und „In Dreams (1963).

Bei den verlangten Preisen für Originale – 800 Dollar für die Stereo-Version von „Lonely And Blue“ – müssen sich die meisten Liebhaber mit einer Wiederveröffentlichung begnügen. Die hatten allerdings häufig den Charakter eines Behelfs. Erscheinungsbild und Anfassqualität der Reissues wichen von den Vorbildern mehr oder minder stark ab. Oder die Nachbildung des Originalcovers war zwar gelungen, aber die Platte trug nur das hauseigene Label oder – schlimm – einen Barcode. Solchen Surrogaten „wohnt nicht die Kraft inne, den Besitzer in die alten Zeiten zu versetzen“, wie es der kalifornische Plattenhändler Scott Wax ausdrückt.

Reissues von unglaublicher Qualität

Michael Hobson präsentiert die Wiederveröffentlichung der ersten Orbison-LP von Classic Records

Ein wohltuende Ausnahme sind die Remakes der ersten drei Orbison-LPs von Classic Records, einem Speziallabel aus Los Angeles. Als langjähriger Sammler alter Scheiben muss ich sagen: Hier stimmt einfach alles! Diese Reissues sind in punkto Cover, Label und Anmutung von den Originalen so gut wie nicht zu unterscheiden. Es scheint, als ob die Firma keine neuen Schallplatten gepresst, sondern in irgendein verlassenes Lagerhaus gegriffen hat, wo fabrikneue LPs mit Cover aus steifem Karton ein halbes Jahrhundert lang „vergessen“ wurden.

Für die Wiederveröffentlichungen kommt ein hochwertigeres und noch etwas dickeres Vinyl als bei den Originalen zum Einsatz. Was dem Projekt die Krone aufsetzt: Classic Records hat die drei Alben nach den Gepflogenheiten der 1960er Jahre zweigleisig – also sowohl in „Golden Stereo“ als auch in Mono produziert! „Wir stellten fest, dass die Sammler solcher Platten hinsichtlich Originalität und Authentizität geradezu besessen sind“ berichtet Michael Hobson, Chef der Plattenfirma.

Superqualität: die zweite Monument-LP in Stereo                 und die gleiche Wiederveröffentlichung in Mono

Als ich die Orbison-Monos zum ersten Mal in einem Katalog entdeckte, dachte ich zunächst an einen Gag. Dass es sich um Pressungen mit parallel geschalteten Kanälen in der üblichen 45-Grad-Schrift handelt. Doch die Nachfrage bei Experten ergab: Es sind echte Monos in Seitenschrift, in deren breitere Rillen ich mein Ortofon SPU Mono oder das Shure M 44-1 mit Nadelverrundung 25 µ unbesorgt absenken kann. Die 200-Gramm-Pressungen liegen satt in der Hand, ihr Klang ist über alle Zweifel erhaben.

„Getreu unserer Firmenphilosophie ‚A new Standard of Reissue‘ haben wir die Schallplatten in der alten Mono-Technik produziert“, erklärt Hobson. „Wir benutzten einen Westrex 3A Mono-Schneidkopf sowie einen restaurierten Mono-Schneidkopfverstärker vom gleichen Hersteller. Das Schneidsystem haben wir so modifiziert, dass es auch die hochfrequenten Tonsignale der Bänder aufzeichnen kann. Die sind nämlich auf den Originalschallplatten kaum vorhanden, da es den früheren Schneidsystemen an Kraft und Stabilität mangelte, den vollen Frequenzumfang der Masterbänder in die Lackfolie zu schneiden.“

Mono-Schneidkopf 3A von Westrex

Beim Klangvergleich Mono zu Stereo bemerkten die Experten, dass die Mono-Schnitte eine bessere Bassdefinition aufweisen und dem damals beabsichtigten Klang näher kommen als die stereofonen Versionen. „Da wurde uns klar, warum manche Schallplattensammler bis ans Ende der Welt gehen, um in den Besitz der Mono-Ausgaben zu gelangen.“

Die LPs von Classic Records weisen auch den so genannten „Deep Groove“ auf – eine ringförmige Vertiefung im Label, die das Erkennungsmerkmal vieler vor 1965 gepresster US-LPs ist. „Die Vertiefung war quasi ein Nebenprodukt des damaligen Herstellungsverfahrens“, erläutert der Firmenchef. „Sie rührt vom Mechanismus her, der die Matrizen während des Pressvorgangs in Position hielt. Sammler sind auf den Deep Groove besonders erpicht, da dieser ein untrügliches Zeichen für Original-LPs ist.“

Label der ersten Monument-LP mit Deep Groove – vor dem goldenen Hintergrund gut zu sehen

Gleiche Aufmerksamkeit galt bei Classic den „Tip On“-Schallplattenhüllen. Diese sind nicht wie die heutigen in einem Stück produziert, sondern auf die Vorderseite wird wie in den Kindertagen der Langspielplatte ein separates Blatt mit dem Covermotiv geklebt. Um die Authentizität noch zu toppen, hat Classic die Orbison-LPs ohne „Groove Guard“ produziert.

Dieser Schutz – eine leicht konkave Form der Spielfläche – wurde Ende der 1950er Jahre wegen der damals beliebten Plattenwechsler eingeführt. Er vermindert Reibung auf der Plattenoberfläche, wenn eine neue LP auf die darunter rotierende, gerade abgespielte fällt. Allerdings ist der Groove Guard klanglich von Nachteil, weil dadurch die Abtastnadel nicht bei jedem Schallplattenradius senkrecht in der Rille steht. Hobson: „Beim Test unserer Reissues stellten wir fest, dass die Schallplatten mit ebenem Profil besser klingen, weil sie auf dem Plattenteller vollständig aufliegen und Vibrationen gedämpft werden.“

Leider war Classic Records kein langes Leben beschieden. Das Label befand sich schon vor seinem Ende oft in Schwierigkeiten. Händler klagten über Lieferverzögerungen, und die Kommunikation mit den Verantwortlichen in den USA klappte selten, wenn es um Reklamationen ging. Im Jahre 2009 stellte das Label, das unter anderem auch seltene Blues- und Klassik-LPs in dem ihm eigenen Standard reproduzierte, seine Geschäftstätigkeit ein. Was bei dem Qualitätsanspruch nicht wundert: Die Scheiben sind heute gesucht! Fabrikneue Restbestände werden bei Plattenversendern in der Preisspanne 50 bis 400 Euro angeboten – für Reissues nur 20 Jahre nach ihrem Erscheinen ein außergewöhnlicher Wert.

Áslaug veröffentlicht phantastische neue EP: „Thirst“

Áslaug veröffentlicht phantastische neue EP: „Thirst“

Áslaug mit EP „Thirst“

Áslaug steht für elektronische, minimalistische Popsongs. Mit Synthesizern und echten Instrumenten aufgenommen, verfolgt sie ihre persönliche künstlerische Idee, mit einem analogen Ansatz elektronische Musik auf völlig neue Weise zu prägen. „Thirst“ ist die zweite EP der Alt-Pop-Künstlerin Áslaug aus Island (VÖ: 01.10.2021). Parallel zum EP-Release wird der Track „Loving Fight“ als Single veröffentlicht.

Mit „Thirst“ blickt sie auf alle ihre früheren Beziehungen zurück. Durch die hohen Gipfel und tiefen Täler hindurch sah sie, wie sich etwas anderes veränderte: ihre eigene Identität. Das Selbstbild, das sie während dieser Beziehungen aufgebaut hatte, war stark von der Situation abhängig, in der sie sich befand. Sie stellte fest, dass sie in verschiedenen Situationen eine andere Persönlichkeit hatte. Ihre Schlussfolgerung: Identität ist formbar, sogar flüssig – wie Wasser. Nach dieser Erkenntnis hat Áslaug den Großteil ihrer neuen EP geschrieben. Auf „Thirst“ blickt sie auf all die „flüssigen“ Identitäten in verschiedenen (persönlichen) Situationen zurück.

Áslaug Vigfúsdóttir aka Áslaug

Die isländisch-niederländische Künstlerin und Songwriterin Áslaug tauchte 2019 fast aus heiterem Himmel in der weltweiten Musikszene auf. Mit ihrer Debütsingle „Take From Me“ überraschte sie viele Musikfans und erlangte europaweit Radioplays sowie Platzierungen in wichtigen internationalen Playlists auf verschiedenen Streaming-Plattformen. Sie avancierte zu einem der wichtigsten Newcomer in 2019/2020, bevor die Corona-Pandemie die weitere Etablierung – u. A. mit zahlreichen geplanten Live-Terminen – ausbremste. Nun veröffentlicht die Künstlerin ihre 2. EP „Thirst“ (V2 Records), auf der sie sich über einen vornehmlich analogen Ansatz der elektronischen Popmusik annähert und mit den 4 Songs eine spannende Verschmelzung der Genre-Elemente präsentiert. Inhaltlich blickt sie mit „Thirst“ zurück auf vergangene Beziehungen.