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Mein Hörtipp: Tilo Weber & Four Fauns: „Faun Renaissance“

Mein Hörtipp: Tilo Weber & Four Fauns: „Faun Renaissance“

Endlich ist sie da und ich bin sogar der erste, der die LP frisch aus dem Werk hören und dann auch gleich besprechen darf! Das freut mich natürlich ungemein, Danke Dir Tilo! Ach so, Sie wollen wissen, worüber ich hier eigentlich spreche? Sorry, aber ich war ganz in Gedanken, denn während ich das hier schreibe, dreht sich die direkt aus der Fertigung zu mir gekommene zweite Platte von: Tilo Weber & Four Fauns („Faun Renaissance“) auf meinem Plattenteller.

Und schon das Auspacken macht richtig Spass: “180g / Audiophile Half-Speed Lacquer Cut, Mastered on 4-track tape recorder”. Na, da freut sich nicht nur der Zuhörer, sondern gleich die ganze Wiedergabekette. Es steht mir wohl Großes bevor und ich wurde, soviel schon jetzt, nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Die im Jahr 2020 in den Scoringstage Studios in Berlin Babelsberg aufgenommene Platte steht auch aufnahmetechnisch und musikalisch der Qualität der Pressung in nichts nach.

Kurz zur Besetzung der Fauns:

CLARINET: Claudio Puntin
TRUMPET: Richard Koch
BASS: James Banner
DRUMS & COMP: Tilo Weber

Ok, schauen wir uns zunächst diese interessanten Musiker mal etwas genauer an:

Der Bandleader, Schlagzeuger, Komponist und Arrangeur Tilo Weber (geboren 1990 in Aachen) lebt und arbeitet in Berlin. Neben seiner Tätigkeit in diesem akustischen Quartett, ist er mit seinem elektronischen Trio „Animate Repose“ (siehe Fotos unten) aktiv (eine Rezension ist hiermit fest versprochen!). Daneben kennen ihn viele u.a. als Musiker im David Friedman Generations Trio (und seinem Quartet), aus der Zusammenarbeit mit der großartigen Clara Haberkamp (siehe auch meine Videohinweise im Blog!) und den Arbeiten mit „Y-Otis“ (Otis Sandsiö). Mit David Friedman gründete Weber übrigens im Jahr 2017 das Independent Label MALLETMUSE RECORDS, bei dem auch dieses neue Werk erscheint.

Dann wäre da der 1979 in Tulln geborene Trompeter Richard Koch, der in vielen Genres und verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen zuhause ist. Sein von ihm selbst gewählter Fokus ist eine unbedingte Körperlichkeit von Musik. Etwas, was man in seinem ganz persönlichen Stil jederzeit hören kann. Koch ist in vielen unterschiedlichen Projekten aktiv, von denen einige die Musik mit anderen Kunstformen (so. z.B. Tanz, Bildende Kunst, Sprache) verschmelzen.

Der dritte im Bunde ist der Klarinettist, Komponist und Produzent Claudio Puntin (geboren 1965 in Zug) der übrigens zudem Goldschmied ist. Puntin bezeichnet den großartigen Dirigenten Sergiu Celibidache als einen seiner wichtigsten Lehrer. Puntin ist ebenfalls in vielen musikalischen und (Kreativ-) Genres tätig und komponiert und produziert u.a. Musik für das Theater, Filme und Hörspiele. Er arbeitete schon mit vielen Musikgrößen zusammen, so u.a. mit Carla Bley und Steve Swallow, Nik Bärtsch, Nils Wogram, Steve Reich und Sebastion Studnitzky, nur um eine wenige zu nennen. Puntin ist mehrfacher Preisträger, u.a. des ersten WDR-Jazz-Preises im Jahr 2004.

Fehlt nur noch der vierte im Bund: James Banner, der aus Dudley (England) stammende und heute in Berlin lebende Bassist. Auch er ist in zahlreichen verschiedenen Projekten im Bereich des Jazz und der improvisierten Musik aktiv, arbeitet sowohl mit vielen Musikgrößen zusammen, als auch mit verschiedenen (Performance) Künstlern. Der Bassist ist eine feste Größe nicht nur in der Berliner Jazz-Szene, sondern auch Gast auf vielen nationalen und internationalen Festivals.

Gut, und was haben uns die 4 Fauns nun feines neues auf ihrem zweiten Werk erstellt?

Zunächst einmal möchte ich kurz noch darauf hinweisen, dass die Pressung der LP wirklich perfekt und das Klangbild ungemein räumlich, extrem dynamisch (grob- und feindynamisch) und mit herausragenden Klangfarben gekrönt ist. Klarinette und Trompete werden jeweils klar, sauber, sehr präzise und dennoch niemals harsch wiedergegeben, der Bass hat eine wunderbare warme Substanz, einen echten Flow und eine direkt die Seele ansprechende Tiefe und das Schlagzeug gibt dem Ganzen eine jederzeit sicher tragende, rhythmische und akustisch ausgeprochen präzise Basis, ohne sich jedoch jemals in den akustischen, spielerischen oder musikalischen Vordergrund drängeln zu wollen.  

Und die Musik? Nun, hier müssen wir etwas ausholen, denn neben 3 eigenen Kompositionen von Tilo Weber, arrangiert dieser hier Komponisten, die man vielleicht nicht unbedingt auf der LP erwartet hätte: So sind dies u.a. Werke von Carlo Gesualdo, Guillaume de Marchant und Giovanni Pierluigi da Palestrina. Oder anders ausgedrückt: Hier trifft Musik der Renaissance und des Barocks (und den so interessanten Übergang der beiden musikalischen Epochen) auf den Jazz und die improvisierte Musik des 21 Jahrhunderts. Aber keine Angst, das hier ist kein unsägliches “Cross Over” oder eine “Ver-Jazzung”alter Meister. Es ist, und das ist bitte als sehr großes Kompliment zu verstehen, die klangliche, musikalische und interpretatorische Transformation dieser großartigen Musik aus vergangenen Jahrhunderten direkt in die heutige Zeit.

Diese Musik ist ungemein abwechslungsreich und dennoch von einer großen gleichbleibenden inneren Spannung getragen. Die Besetzung des Quartetts bietet hier den Musikern immer wieder neuen Raum für das Einbringen eigener musikalischer Ideen und alle 4 nutzen diese auch, ohne jedoch in übertriebene Abstraktionen zu verfallen oder die anderen zu „über-spielen“. Jedes Stück ist völlig anders und die einzige Konstante ist die unglaubliche Fähigkeit der Musiker sich jederzeit dem jeweiligen Stück als festem Gerüst zu unterwerfen, nur um dann wieder jedem einzelnen die Möglichkeit zu geben, sich darin zu entfalten. Dies alles ohne sich jemals selbst mit dem eigenen Beitrag oder der eigenen Virtuosität über die der anderen Musiker stellen zu wollen. Es ist absolut toll, wie es das Quartett schafft, mit einer zum großen Teil eher geringen instrumentalen Dichte eine dennoch so umfassende und voluminöse klangliche Struktur zu erschaffen

Bereits der Opener, „Se la mia morte brami“, zeigt dem Zuhörer, wohin die Reise des Quartetts gehen wird. Von der ersten Sekunde an fesselt der fast schon schwebende Rhythmus jeden, wobei das Stück dabei jederzeit sicher von Weber am Schlagzeug und Banner am Bass getragen wird.  Immer wieder sind es nur zwei oder sogar auch mal nur ein Instrument, das die Geschichte des Stücks ganz alleine und dennoch mit großer Hingabe weitererzählt und vorantreibt. An einigen Stellen klingt es fast wie ein sehr langsamer getragener Trauermarsch, wie man in New Orleans hören kann, dann wiederum sind es feinste musikalische Einfälle und diffizile Ornamente, die geprägt und getragen sind von Pausen und der für jede Musik so wichtigen Phasen der Stille zwischen den Tönen.

Ein gefühlvoller respektvoller Dialog der 4 Künstler, die zudem offenkundig jederzeit den Herausforderungen und der Diktion dieser großen Meister der Renaissance- und Barockmusik gewachsen sind und eine brillante neue Interpretation der Inhalte dieser Werke ins 21. Jahrhundert ermöglichen. Ein atmosphärisch, dichtes und in vielen lyrischen Linien eingebettetes Werk mit einer durchgehend jederzeit sanften, konzentrierten Stimmung und einem fast schon atmenden und von einer wunderbaren melodiösen Spannung geprägtem Rhythmusgeflecht. Faszinierend!

Das ist das mit Abstand spannendste Album, das ich in den letzten 2-3 Jahren gehört habe. Es ist toll, dass es heute gerade bei den kleineren Labels noch so viel unglaublich gute und abwechslungsreiche Musik zu hören gibt. Wir brauchen mehr davon. Gerade auch in diesen schwierigen Zeiten.

Schon jetzt einer meiner Top-Kandidaten für meine ganz persönliche Platte des Jahres 2021!

Unbedingt anhören! Sofort!      

Websites

Künstler    www.tiloweber.com

Label         www.malletmuserecords.com 

LP mm 007 „Faun Renaissance“ direkt bestellen auf:

www.nrwvertrieb.de

Video Singles

Here Comes Everybody   https://youtu.be/Pq9trQ_Zhz4

Kyrie V    https://youtu.be/w9wTYT7u7wE

Canon Couperin https://youtu.be/-zv7c4NLyrg

Hier Infos zu dem u.a. Album Animate Repose:

Animate Repose

DRUMS, COMP. Tilo Weber

VOCALS, GUITARLiv Solveign Wagne

rBASS, PIANOLucas Leidinger

SYNTHESIZERLiz Kosack

SAX Otis Sandsjö

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=-hUKGJ162-M

Teaser: https://soundcloud.com/tiloweber/animate-repose-album-teaser

LIVE Video–A-Trane Release Concerthttps://www.youtube.com/watch?v=NNtI0ghKcEo

Album Single -Silent Maiden: https://www.youtube.com/watch?v=5LDpyh7dvwc

More Infos: www.tiloweber.deLimited Edition 12“ LP, Available on Shoebill-­‐Music.com

Tilo Weber & Four Fauns Bandfoto (© Annika Weinthal)
Tilo Weber & Four Fauns

Tilo Weber & Four Fauns Bandfoto (© Annika Weinthal)

Tilo Weber Animate Repose

Tilo Weber & Four Fauns Bandfoto (© Annika Weinthal)
Tilo Weber Animate Repose

Tilo Weber & Four Fauns Bandfoto (© Annika Weinthal)
Tilo Weber Animate Repose

Graham Costello veröffentlicht zweites Album „Second Lives“

Graham Costello veröffentlicht zweites Album „Second Lives“

Eine berauschende Eskalation

Vital, multi-stilistisch, dynamisch und explosiv-expressiv: Graham Costellos „Second Lives“ Contemporary, modern Jazz meets Post Rock, Noise, Ambient und Minimal: Der schottische Drummer und Komponist veröffentlicht endlich sein lang ersehntes neues Album.

Am 7.Mai 2021 erscheint auf Gearbox Records (TheOrchard, Bertus Musikvertrieb), den Analog-Spezialisten aus London, Graham Costellos zweites Album mit dem Titel „Second Lives“ (CD und LP). Der Drummer und Komponist aus Schottland arbeitet erneut mit seiner Band Strata an dieser Produktion. Die Combo besteht aus Pianist Fergus McCreadie, Gitarrist Joe Williamson (Young Scottish Jazz Musician Of The Year, 2018), Posaunist Liam Shortall (Bandleader des Jazz-Kollektivs corto.alto), Saxofonist Harry Weir (der mit seinem Jazz-Outfit AKU! selbstdefinierten ‚doomjazz‘ etablierte) und dem angesehen Bassisten Mark Hendry. Mit Wurzeln in der schottischen DIY-Indie-Szene, formierte Costello Strata 2016, tourte daraufhin exzessiv in ganz Europa, womit er sich breite Bekanntschaft innerhalb der Independent-Szene erarbeitete.


Das Debütalbum „Obelisk“ folgte 2019 (Nominierung Scottish Album of the Year Award), 2020 erschienen weitere Singles. Nun folgt mit „Second Lives“ Album Nummer zwei. Rein instrumental gehalten, sind die Kompositionen dädalischer und stilistisch experimenteller als je zuvor. Das Album beinhaltet hochenergetische Polyrhythmen, Improvisation und grenzenlose musikalische, teils progressive Expression. Stets bewegt sich Costello in delikater Balance aus stillen, sanften Momenten und unerbittlicher und treibender Intensität. Es sind einnehmende Momente der Spannung und des Loslassens. Und damit die gefühlvollsten und gedankenanregendsten Stücke des Künstlers. Saxofon und Schlagzeug agieren im perfekten Zusammenspiel. Costello findet durchgehend zu einer Form des Jazz, die sowohl mit dem Metier vertraute Hörer anspricht, als auch Neulingen den Einstieg schmackhaft macht.

Die erste Single „Eudaimonia“ mit visuell berauschendem Video

Kontakt: Bertus Musikvertrieb GmbH
Büro/Office +49 40 2076971 14
E-Mail: Marcus.Offermanns@Bertus.com

Mein Hörtipp: Don Cherry: Cherry Jam

Mein Hörtipp: Don Cherry: Cherry Jam

Vor 55 Jahren veröffentlichte Don Cherry beim Blue Note Label das für die Entwicklung des Jazz so wichtige Werk: „Complete Communion“. Zu dieser Zeit zählte der Multiinstrumentalist schon mit zur Spitze der weltweiten Jazzgrößen. Als eine der Ikonen des Free Jazz (dessen Bezeichnung übrigens von dem gleichnamigen Album von Ornette Coleman stammte, bei dem Don Cherry mitspielte) zeigte beerits rund ein Jahr zuvor bei einer Aufnahme für einen dänischen Radiosender in Kopenhagen (Danmarks Radio), wohin die Reise gehen könnte. Die hier nun auf Vinyl und CD veröffentlichten 4 Stücke sind aber von dem Free Jazz, wie er ihn mit Coleman wesentlich mitprägen sollte, noch entfernt. Dennoch sind sie viel spannender und komplexer, als sie beim ersten Hören vielleicht erscheinen mögen, denn freie Formen und Anleihen an die Avantgarde der späten 60er Jahre sind beim genauen Zuhören doch wahrnehmbar.   

Mit Mogens Bollerup (tenor Saxophone), Atli Bjorn (Piano), Benny Nielsen (Bass) und Simon Koppel (Drums) lässt es Cherry an der Trompete eher swingen, als sich in zu freie Sphären zu bewegen. Dennoch wird in einigen Passagen deutlich, dass Cherry hier im Oktober 1965 klar auf seinem Weg war, sich vom bekannten und erfahrenen Sideman der New Yorker Avantgarde zu einem echtem stilprägendem Bandleader zu entwickeln.

Don Cherry Cherry Jam

Neben den drei von Cherry selbst komponierten von einem treibenden Rhythmus geprägten Stücken, findet man eine wunderbare Interpretation des Stücks „You Took Advantage Of Me“ von Richard Rodgers.

Eine Aufnahme, die die weitere bekannte musikalische Reise von Don Cherry erkennbar macht und einfach sofort nach mehr Platten dieses tollen Musikers verlangt. Das ist übrigens die einzige Kritik an dem Album: Es ist mit 4 Stücken leider nur rund 22 Minuten lang.

Don Cherry Cherry Jam

Eine musikalische Entdeckung, die übrigens auch klanglich sehr überzeugt (insbesondere in der sehr hochwertigen Vinyl Ausgabe). Für die Kenner*innen unter Ihnen mal die mehr als nur beeindruckende Auflistung im Booklet:

Cut on a Haeco Scully lathe with Wetrex RA1700 series amps, Westres 3DIIA cutting Head and Telefunken U73B tube limiter; Decca Valve equalisation; monitored on Audio Note Equipment

Tolle Musik mit phantastischem Klang. Perfekt! 

Gearbox Records ltd.

Don Cherry Cherry Jam

Am 07. Mai erscheint das 3. Album von Joe Lovano / Dave Douglas

Am 07. Mai erscheint das 3. Album von Joe Lovano / Dave Douglas

„Other Worlds“ ist das dritte Album des Jazz-Quintetts Sound Prints, als dessen Leader Saxophonist Joe Lovano und Trompeter Dave Douglas fungieren. Das Album erscheint auf dem von Dave Douglas gegründeten Jazz-Label Greenleaf Music am 7.5. auf CD. Aufgenommen in nur einer Woche im New Yorker Village Vanguard im Januar 2020, enthält es zehn fesselnde neue Kompositionen. Das Album (wie auch das Quintett selbst) ist als Hommage an den Jazz-Visionär Wayne Shorter angelegt, dessen Werk eine sich niemals erschöpfende Inspiration für die Musiker erwiesen hat. Es enthält ungestüme und verspielte Eigenkompositionen sowie wunderschöne Balladen. Der Bandname ist eine Anspielung auf Shorters Klassiker „Footprints“, doch als Schwerpunkt legt das Quintett den Fokus auf neue Eigenkompositionen. Sound Prints treibt der Wunsch an, die musikalischen Grenzen so weit wie möglich zu verschieben und auszuloten. Ähnlich der expansiven Rolle, die Shorter im Jazz seit seinem Debüt mit Art Blakey’s Jazz Messengers im Jahr 1959 gespielt hat.


Neben den populären und namhaften Leadern – Lovano ist seit den 1970er-Jahren erfolgreich aktiv und gehört, wie auch der auf 500 Kompositionen und 50 Veröffentlichungen zurückblickende Douglas, zu den angesehensten Künstlern in der weltweiten Jazz-Szene – bestehen Sound Prints aus dem Pianisten Lawrence Fields, der Bassistin Linda May Han Oh und dem Schlagzeuger Joey Baron.

Die Wege der Bandleader kreuzten sich in den zurückliegenden 20 Jahren immer wieder, bis sie sich schließlich zu dieser Zusammenarbeit entschlossen. Das Debütalbum „Live at Monterey Jazz Festival“ wurde 2013 für Blue Note Records aufgenommen und enthielt sowohl Originalmusik als auch zwei neue Kompositionen von Shorter selbst. Für das zweite Album „Scandal“ (2018) nahen die Künstler erstmals ein komplettes Studioalbum mit zehn Eigenkompositionen sowie Arrangements zweier Shorter-Klassiker auf. „Other Worlds“ enthält nun ausschließlich Eigenkompositionen, darunter Lovanos dreiteilige Suite „Other Worlds Suite“.

Weitere Infos unter

Bertus Musikvertrieb GmbH
Büro/Office +49 40 2076971 14
E-Mail: Marcus.Offermanns@Bertus.com

Verloren geglaubtes Album von Hasaan Ibn Ali wieder aufgetaucht!

Verloren geglaubtes Album von Hasaan Ibn Ali wieder aufgetaucht!

Bisher unveröffentlichtes Material aus dem Jahr 1965 wird jetzt als „Metaphysics: The Lost Atlantic Album“ erstmals veröffentlicht

Der damals nahezu unbekannte, heute jedoch hoch angesehene Jazz-Pianist und Komponist Hasaan Ibn Ali, Jahrgang 1931, nimmt in den 1960er-Jahren mit Größen wie Max Roach auf und spielt an der Seite von John Coltrane. Diesen beeinflusst der Amerikaner immens und gilt damit als Wegbereiter von Coltranes Weltkarriere. Roach ist es, der Atlantic Records dazu bewegt, ein Album mit Ibn Ali aufzunehmen. Die Sessions dazu finden im August und September des Jahres 1965 in den New Yorker Atlantic Studios statt. Doch noch vor dem Mixing wird der Künstler wegen eines Betäubungsmittel-Delikts inhaftiert. Die Aufnahmen verschwinden im Archiv und gehen 13 Jahre später bei einem Lagerhausbrand in Flammen auf. Das Werk scheint verloren… Bis kürzlich eine Kopie des Materials wiederentdeckt wird.

„He had ideas as deep as the sea. I mean I never heard anybody, even today, play like that“
Tenor-Saxofonist Odean Pope über Hasaan Ibn Ali

„Metaphysics: The Lost Atlantic Album“ erscheint am 23. April auf Omnivore Recordings auf CD und als Doppel-LP. Das vom mit einem Grammy ausgezeichneten Soundtechniker Michael Graves aufbereitete Werk enthält neben sieben Originalsongs aus den Sessions drei alternative Song-Versionen als Bonus Tracks. Neben Hasaan Ibn Ali am Piano spielen Odean Pope (Tenorsaxofon), Art Davis (Bass) und Kalil Madi (Drums).

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Charlie Parker, eine Biografie von Wolfram Knauer

Charlie Parker, eine Biografie von Wolfram Knauer

Wenn der 1958 geborene Musikwissenschaftler und Direktor des Jazzinstituts Darmstadt, Wolfram Knauer, ein Buch über Charlie Parker schreibt, wird die Fachwelt hellhörig. Nicht, dass nicht schon viel über den amerikanischen Saxophonisten geschrieben wurde, aber Knauer ist nicht nur Jazzliebhaber, u.a. mehrfacher Preisträger und Lehrender an mehreren deutschen Hochschulen, sondern auch Herausgeber mehrerer wichtiger Publikationen und Mitglied mehrerer Fachgremien. Daneben war er u.a. von 2004 bis 2012 Mitglied im Musikbeirat des Goethe-Instituts und hier sogar ab 2009 dessen Vorsitzender.

Auch international ist er in mehreren Einrichtungen aktiv, so z.B. im Beratergremium des bekannten Jazz at Lincoln Center und an der Columbia University, wo er als erster nicht-amerikanischer „Louis Armstrong Professor of Jazz Studies“ lehrte.  

Wenn also ein Fachmann und Jazz-Liebhaber wie Knauer sich mit einen bekannten Musiker und Komponisten beschäftigt, kann man immer etwas Neues erwarten. Und diese Erwartung wird mit dem vorliegenden Buch nicht enttäuscht. Im Gegenteil.

Das rund 200 seitige Werk zeigt das Genie Parker in allen seinen Facetten. Der Erneuerer, der Begründer, der Revolutionär und der Visionär des Jazz. Der Mann, der federführend den Jazz zu einer neuen und großartigen Kunstform transformierte. Noch heute basieren viele moderne Einflüsse im Jazz auf den Arbeiten und dem neuen musikalischen Denken Parkers, dessen 100 Geburtstag wir im Jahr 2020 gefeiert haben. Dieses Datum ist umso tragischer, wenn man berücksichtigt, dass Parker nicht einmal 35 Jahre alt wurde. Was hätte dieser in jeder Hinsicht immer die Grenzen des Machbaren überschreitenden Ausnahmekünstlers und weit über den Jazz hinaus bekannte und geschätzte Mensch uns noch alles geben können? Welche neue Wahrnehmungen und Erfahrungen hätten wir noch machen können?

Oder ist es gerade dem Lebenswandel und der Art und Weise des obsessiven Auslebens aller Einflüsse geschuldet, dass Charlie Parker in so kurzer Zeit so viele Mauern einreißen und zugleich neue musikalische Tempel auf den Ruinen aufbauen konnte?

Parker war immer interessiert an klassischer Musik und allen Kunstformen und ließ diese in seine Musik und seinen schlichtweg als revolutionär zu bezeichnenden Spielstil einfließen. Was hätte Parker alles Neues erschaffen, wenn er, wie er es vorhatte, wirklich bei Nadia Boulanger in Paris  studiert, und dort dann, wie er es plante, immer für 6 Monate eines Jahres gelebt hätte?

Es ist erschreckend, dass Norman Granz bei der Finanzierung seiner Beerdigung finanziell aushelfen musste und ein dreieinhalbstündigen Gedenkkonzert bekannter Künstler*innen in der Carnegie Hall, drei Wochen nach seinem Tod, nur dazu diente, Geld für die Ausbildung seiner Kinder zu sammeln. Wie bewegend ist es auf der anderen Seite, wenn man die Namen der Musiker*innen liest, die an dem Konzert teilnahmen.    

Die Biographie zeigt auf „nur“ rund 200 das Leben, das Werk und die Selbstzerstörung des Musikers und Menschen Charlie Parker auf. Die Schwerpunktsetzung und die Auswahl der wichtigsten Informationen ist Knauer perfekt gelungen. Hätte er mehr Details wiedergeben können? Zweifellos, denn, wie dargestellt, Knauer hätte dies fachlich jederzeit gekonnt. Seine Auswahl, seine Reduktion ist aber gerade einer der Vorteile, denn wir alle kennen das: Eine Biographie mit 600, 700 oder sogar noch mehr Seiten, wird wegen der ganzen Details (oder manches Mal auch Nebensächlichkeiten?) irgendwann schwer lesbar und dient eher der wissenschaftlichen Reputation des Autors oder der Autorin, ist aber für große Lesekreise einfach zu „schwer“.

Die Biografie von Knauer schafft daher den goldenen Mittelweg. Ein Buch, dass beim Lesen selbst Kennern ein paar neue Informationen geben kann, aber gerade auch einem „Anfänger“, immer mitnehmen und mitreißen kann.

Ich habe an ganz vielen Stellen das Lesen unterbrochen, um mir kurz die im Buch gerade genannten Künstler und deren Werke anzusehen und um am Plattenschrank die gerade im Buch angesprochene Musik anzuhören. Ein ganz großer Spaß (und das ist wichtiger, als viele Autorinnen und Autoren es wahr haben wollen) und zudem ein großer Gewinn, denn, wenn man alles zusammenführt, kann man das Genie Charlie Parker wirklich verstehen. Man weiß dann auch, was der nachfolgende Satz von Charlie Parker aussagt:

„Musik ist deine eigene Erfahrung, sind deine Gedanken, ist deine Weisheit. Wenn du sie nicht lebst, kommt sie nicht aus deinem Horn“.

Bird lives!

Wolfram Knauer, Charlie Parker, Reclam Verlag, Taschenbuch 20342, 2014, 12,90 EUR

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