Seite wählen

Nachruf auf einen liebenswerten Menschen

Ein Beitrag von Joachim Bung

Dr. Karl Gerhard Baur mit seinen Thorens TD 124 und TD 125 – zirka 1970

Die in meinem letzten Beitrag erzählte unglaubliche Geschichte über die Rettung eines makellosen Thorens TD 124 vor dem Sperrmüll hat auch eine bedrückende Seite.

Hin- und wieder war ich bei meinem generösen Tippgeber Dr. Karl Gerhard Baur und seiner liebenswürdigen Frau Gudrun zu Gast. Kennen gelernt hatten wir uns über einen Hinweis auf mein Buch SCHWEIZER PRÄZISION, den der Chemiker in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung entdeckte. Als Besitzer des Thorens TD 124 seit 1963 war die sofortige Bestellung meines Werkes – im Jahr 2005 noch die erste Auflage – für den Ludwigshafener ein Muss. Tochter Vera erinnert sich noch an den Stellenwert der beiden oben abgebildeten Plattenspieler als Mittelpunkt des Familienlebens: „Das waren die heiligen Geräte, auf denen Kinderschallplatten nur unter Aufsicht abgespielt werden durften.“

Über die Jahre entwickelte sich zwischen uns beiden ein lockeres, freundschaftliches Verhältnis. Wir tauschten uns über viele Themen rund um unseren Lieblingsplattenspieler aus. Baurs persönlichen Werdegang zu einem der ersten HiFi-Enthusiasten im Westdeutschland der frühen 1960er Jahre und die Einbindung der ganzen Familie in sein glühendes Hobby habe ich in Band 2 der dritten Auflage sogar zu einem kleinen Feature verarbeitet.

Der Musikliebhaber betrieb inzwischen einen Thorens TD 126 in seiner HiFi-Anlage, verriet mir aber, wo sein alter TD 124 abgeblieben sein könnte. Den hatte er nämlich vor vielen Jahren einem Arbeitskollegen verkauft. Baur gab mir dessen Telefonnummer in Heppenheim – die tatsächlich noch stimmte. Am Telefon erfuhr ich, dass der ehemalige Kollege den Plattenspieler mit Werkstonarm BTD-12 S sogar noch besitzt! Zwar nicht mehr in Betrieb, aber sorgfältig verpackt und eingelagert. Der Mann am anderen Ende der Leitung schien auch nicht abgeneigt, das Gut in seiner Garage zu veräußern – „aber 100 Euro will ich schon noch dafür haben“.

Jetzt wissen Sie schon, was ich gemacht habe. Anderntags holte ich den Plattenspieler gegen den grünen Schein an der Bergstraße ab und informierte einen Buchkunden und TD-124-Interessenten auf meiner „Warteliste“ über den Neuzugang. Der war froh über die Nachricht und übernahm den Thorens TD 124 der ersten Serie sofort. Dieser Spieler war natürlich nicht, wie das Exemplar aus der Pfälzer Villa, praktisch neu, sondern – wie man es von Baur nicht anders erwarten konnte – viel benutzt, aber stets penibel gepflegt und bestens erhalten. Nach der Revision durch Peter Feldmann, dem Einbau des Laufwerks in eine lange „Maxplank“-Zarge des englischen Spezialisten Dr. Martin Bastin und der Bestückung mit einem SME-Tonarm 3012-R aus meinem Bestand ist der cremefarbene Thorens heute das Traumgerät eines Siemens-Ingenieurs aus der Oberpfalz.

DCF 1.0

Der Thorens TD 124 von Dr. Baur – heute in langer Maxplank-Zarge mit Tonarm SME 3012-R

Telewatt Ultra, Acoustic Research AR 3a, Klein + Hummel ES 707 …

Karl Gerhard Baur war immer sehr besorgt, dass seine nicht mehr genutzten HiFi-Geräte noch in kundige, wertschätzende Hände kämen – und sah auch da in mir den richtigen Adressaten. Zunächst diente er mir seine beiden Telewatt-Ultra-Röhrenverstärker in Mono mit Leistungsröhren EL 34 an. Mit unvorstellbaren 40 Watt Dauerton war der „Ultra“ ab 1957 der kräftigste deutsche Verstärker im Heimbereich. Die beiden sehr gut erhaltenen, restaurierten Geräte besitze ich heute noch – sorgfältig eingelagert, in Schweizer Präzision abgebildet und gelegentlich an meine Anlage angeschlossen.

DCF 1.0

Mono-Vollverstärker Telewatt Ultra von Klein + Hummel, Baujahr 1957 – 1961

Als nächsten Schatz vermachte mir Baur seine Lautsprecher Acoustic Research AR 3a, deren Klang er immer so liebte. Bei einem Exemplar war leider die Frequenzweiche defekt, bei der anderen eine Sicke gerissen. Da ich selbst gute Tannoy-Boxen – damals die D 700 – besaß und für die sperrigen und etwas angeschrammelten AR ohnehin keinen Platz hatte, fuhr ich die beiden Kästen nach einigem Zögern, ja, auf den Sperrmüll. Damals wusste ich nicht, dass man das alles reparieren kann und man sich im Online-Auktionshaus um diese berühmten Modelle selbst in dem mir übergebenen Zustand geprügelt hätte.

Gudrun Baur am Transistor-Vollverstärker Klein + Hummel ES 707

Als nicht restaurierbar stellte sich dagegen der mir ebenfalls anvertraute Nachfolger der beiden Telewatt Ultra im Hause Baur heraus – ein stattlicher, 2 x 90 Watt Dauerton leistender Transistorverstärker Klein + Hummel ES 707 mit den Anfang der 1970er Jahre modernen Flachbahnreglern. Den ES 707 nahm ich nicht mit nach Hause, sondern brachte ihn zur Revision gleich zu Roger Weber von der Fachwerkstatt Audiotronic ins nahe Heidelberg. Nach einigen Tagen rief mich der viel beschäftigte Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister an und teilte mir mit, dass da leider nichts zu machen wäre. Für den Boliden, so wie er ist, fand ich aber in der Nähe von Paris noch einen Abnehmer.

… dann noch die Kammermusikschatulle

Baurs höchstes Glück bedeutete es schließlich, dass ich für die Siemens-Kammermusiktruhe aus Vorkriegszeit, die er als Andenken an seinen ebenfalls musikbegeisterten Vater aufbewahrte, noch einen dankbaren Interessenten fand. Ein Kenner und Liebhaber im Rentenalter aus Mecklenburg-Vorpommern nahm sogar die 750 Kilometer auf sich, um das wuchtige Erbstück, dem man schon Ende der 1930er Jahre HiFi-Qualität zuschrieb, bei ihm persönlich abzuholen.

Dr. Karl Gerhard Baur im Herbst seiner Lebensjahre auf einer Wanderung im Pfälzer Wald

Nur die beiden hochwertigen Telefunken-Plattenspieler im Keller seines Hauses in Friesenheim, Baujahr 1951 und noch mit Stahlnadel-Tonabnehmer, wollte man selbst im Schwarzwald beim Deutschen Phonomuseum in St. Georgen nicht haben.

Vor einiger Zeit erfuhr ich über seinen Verlag, für den er im Ruhestand renommierte Fachbücher über Eisenbahntechnik schrieb, dass Karl Gerhard Baur Anfang Juli 2020 mit 85 Jahren gestorben ist. Er liebte zeitlebens die klassische Musik, und wie ihn diese Liebe bereits mit seinem Vater verbunden hat, so hat er sie auch an seine beiden Töchter weitergegeben.