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Mein Hörtipp: Christian Immler und Helmut Deutsch: „Hidden Treasure“, HANS GÁL´s „unpublished Lieder“

Erst mehr als 30 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1987, wurden die hier vorgestellten Lieder wirklich richtig eingeordnet und gewürdigt. Der 1890 geborene Komponist und Musikwissenschaftler Hans Gál war zeitlebens eher für seine Kammermusik und Opern bekannt.

Dass aus heutiger Sicht wohl auffallendste an den Werken von Hans Gál ist die große Bandbreite bei seiner Auswahl der von ihm vertonten Dichter. So finden sich auf der CD Texte u.a. von Walther von der Vogelweide über Christian Morgenstern, Eduard Mörike, Heinrich Heine bis hin zu Hermann Hesse. Der Komponist legte großen Wert darauf, gerade auch nicht so häufig vertonte Werke auszuwählen, so z.B. die Dichtkunst von Rabindranath Tagore.

Neben dieser spannenden und interessanten Auswahl, fällt einem schon beim ersten Hören sofort auf, wie unglaublich flexibel und mit welcher ungeheuren Klangfarbenvielfalt die Vertonungen von Gál vorgenommen wurden und welchen großen Melodienreichtum der Komponist dabei entstehen lässt. Eine Vielfalt, die übrigens in jeder Situation durch einen wunderbaren und stets die Intentionen der Texte der Dichter unterstützenden Klaviersatz getragen wird.

Überaus abwechslungsreich und die Zuhörer:innen direkt ansprechend, schafft es die vorliegende  Aufnahme von Beginn an nicht nur der musikalischen Darbietung mit großer Spannungsvielfalt folgen zu können, sondern, und das ist keinesfalls bei allen Liedaufnahmen so, auch den Texten. Erreicht wird dies u.a. durch eine in jeder Hinsicht prägnante und präzise Artikulation und einer vollkommenden Beherrschung der durch die Werke gestellten Aufgaben durch die beiden Musiker. So werden immer wieder kleine und große Türen in neue klangliche und interpretatorische Horizonte weit aufgestoßen.

Sich diesen Anforderungen des Komponisten geradezu unterordnend, gelingt es dem Bass-Bariton Christian Immler und dem Pianisten Helmut Deutsch zu jeder Zeit die wichtigen Spannungsbögen durch eine berührende Umsetzung aufzubauen, aufrecht zu erhalten und sich jeweils selbst gegenüber dem musikalischen Partner, den Liedern und der Musik selbst zurückzunehmen. Der Dialog und die wellenförmigen dramatisch-musikalischen Annährungen der beiden an- und zueinander ist perfekt, die gesamte Balance in der Gattung der Liedkunst sicherlich maßstabsetzend.

Christian Immler ist mir bekannt aus seinen Arbeiten mit dem Suzuki Bach Collegium Japan. Seine Bach Kantaten sind von hoher Reinheit, Schönheit und Klarheit, ohne dabei jemals die vielen klanglichen und emotional-spirituellen Schattierungen zu unterschlagen. Der mehrfach national und international mit Preisen fast schon überschüttete Sänger ist mittlerweile weltweit gefragt und gehört heute sicherlich zu den Besten seines Fachs.

Der in Wien geborene Pianist Helmut Deutsch ist seinerseits insbesondere für seine unglaublich emotionale, führende aber sich niemals in den Vordergrund spielende Liedbegleitung berühmt. Der bereits mit 24 Jahren zum Professor berufene Deutsch wurde weltbekannt durch seine rund 12-jährige Zusammenarbeit mit dem einmaligen Hermann Prey, dessen fester Partner er in mehreren hundert Konzerten war.

Diese CD schafft es vom ersten bis zum letzten Lied den sehr schmalen Spagat zwischen dem den Liedern aufgrund der besonderen „klassischen“ Texte häufig zugrundeliegenden hohen Anspruchs und die mit der Musik entstehenden unmittelbaren Stimmungen jederzeit zu gewährleisten. Das Album ist trotz der vielen leisen und zarten Töne ein Stimmungserlebnis, das in der Lage ist, die Gefühle zu entwickeln, die so typisch sind für einen live dargebotenen Liederabend. Ein weiteres hervorstechendes Merkmal ist die ungemeine Stimmigkeit, mit der die beeindruckenden Texte unmittelbar mit der Musik verschmelzend musiziert werden.

Das Klavier agiert dabei wie eine zweite Stimme. Hier begleitet es nicht den Gesang, hier „singt“ es förmlich mit und zwar mit allen Farben, die wiederum nur einem Flügel in dem Umfang zur Verfügung stehen. Ohne dabei jedoch den allen Liedern selbst dienenden, warmen und menschlichen Grundcharakter aus den Augen zu verlieren. Ein großartiges klangsinnliches Erlebnis mit emotional bewegenden Deutungen! Texte und Musik auf extrem hohen Niveau und genauso überragend und intensiv musiziert.

Das Album spricht, und das meine ich ausdrücklich als Kompliment, sowohl den Kenner an, als auch die Menschen, die in dem Genre „Liedkunst“ vielleicht noch nicht so bewandert sind oder es sogar eher für „langweilig“ halten. Ein absurder Vorwurf, aber einer, den man immer wieder mal von einigen hört, bis sie sich die Zeit nehmen, sich auf die musikalische und textliche Reise eines Liederabends einzulassen.

Die gerade erst beim schwedischen BIS Label 2020 veröffentlichte CD/SACD wurde im April 2016 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln aufgenommen und stellt eine Co-Produktion mit dem Sender dar. Klangtechnisch gesehen ist sie das, was man bei einer BIS Produktion zu recht erwartet: Schlicht perfekt. Die Zuhörer:innen werden unmittelbar in die intime, räumliche und warme Atmosphäre und die besondere Ruhe eines meist privat oder sogar familiär wirkendenden Liederabends hineingesogen.

Das Album gibt einem die Möglichkeit, sich in immer wieder aufs Neue in diesen Liederabend hineinfallen und verzaubern, ja fast schon von der Dichtkunst in Verbindung mit den Melodien verführen zu lassen. So sehr schaffen es die beiden Musiker, diese zum Leben zu erwecken. Die viele menschliche Gefühle erzeugenden Musiker lassen uns bei jedem neuen Hören der Lieder immer wieder wunderbare kleinste Nuancen, feinste dramaturgische Abstufungen, neue Schattierungen und eine exaltierte Klangfülle entdecken.

Das konzentrierte Zuhören mit offenen Ohren und einem offenen Herzen belohnt die Zuhörer:innen schließlich mit einer tiefen Zufriedenheit und einem wohligen inneren Frieden.

Ein großartige und überzeugende CD und eine meiner absoluten Favoriten im Jahr 2021.

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_G%C3%A1l

http://www.christianimmler.com/

www.helmutdeutsch.at

https://bis.se/

https://classicdisc.de/index.html