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Mein Hörtipp: Daniel Gaede und Raphael Alpermann: J. S. Bach, Sonaten für Violine und Harpsichord

Darf man eigentlich mit dem Fazit einer Rezension starten? Ich weiß es nicht, mache es aber dennoch: Das ist für mich ganz klar eine der besten CDs in diesem Jahr. Ihnen reicht diese Behauptung nicht? Ok, verstehe ich. Also fange ich mal an…

Dies ist eine echte Trioplatte…für zwei Instrumente. Das sah übrigens auch der Schüler und Schwiegersohn von Johann Sebastian Bach, Johann Christoph Altnikol, so, der die Sonaten als „Sechs Trios fürs Clavier und die Violine“ bezeichnete. Die Lösung dieser kleinen Denkaufgabe ist übrigens einfach: In den im 18 Jahrhundert üblichen Sonaten für Violine und Basso Continuo hatte das Cembalo die zusätzliche Funktion des Generalbassinstrumentes, dessen Spieler diesen zweiten Part der einen Hand über einer ausnotierten Bassstimme anhand von Ziffern improvisatorisch zu erfinden hatte. Alternativ konnte z.B. aber auch eine Viola da gamba die Bassstimme spielen. Bei den hier aufgezeichneten 6 Sonaten sind zwar nicht alle als solche „Trios“ aufgebaut, aber immer spielen nur die beiden Instrumente.

Bach war ja bekanntlich nicht nur ein wahrer Meister auf der Orgel und anderen Tasteninstrumenten, sondern auch auf der Violine und besaß u.a. eine Geige des genialen Jakob Steiner. In den Sonaten für Violine Solo zeigte er die gesamte Ausdruckskraft und die musikalisch umsetzbaren Emotionen und Klangfarben des Streichinstrumentes und in seinen berühmten Werken für Tasteninstrumente erreichte er ein Niveau, das bis heute schlicht unerreicht ist. In den hier vorliegenden 6 Sonaten für Violine und Cembalo führte er beide Werkarten in einer wunderbaren Art zusammen und ließ so etwas zu Teil noch großartigeres entstehen.

Daniel Gaede, geboren 1966 in Hamburg, konzertierte als Solist u.a. mit den Wiener Philharmoniker und dem Rundfunkorchester Berlin und arbeitete z.B. mit Claudia Abbado, Riccardo Muti und Dennis Russel zusammen. Daneben hat er sich einen Namen im kammermusikalischen Kontext gemacht und spielte zahlreiche CDs bei der Deutschen Grammophon, cpo, Sony und weiterer Labels ein. Seit 2000 unterrichtet er als Professor an der staatlichen Musikhochschule in Nürnberg.

Raphael Alpermann war neben seiner Ausbildung an der Berliner Hochschule u.a. Schüler bei Gustav Leonhardt und Ton Koopman. Seit 1991 gehört er der Akademie für Alte Musik Berlin an und wirkte dort bei zahlreichen Aufnahmen als Solist mit. Er ist zudem Mitglied der Berliner Barock Solisten und debütierte 1995 bei den Berliner Philharmonikern. Er konzertierte u.a. mit Claudio Abbado, Simon Rattle und Nikolaus Harnoncourt und hat bis heute an mehr als 200 CD Aufnahmen mitgewirkt. Er unterrichtet an der Berliner Hochschule für Musik „Hans Eisler“ und an der Universität der Künste Berlin.

Diese Doppel-CD ist etwas wirklich Außergewöhnliches, denn sie ist, man kann es wirklich im positivsten Sinne so sehen, wirklich ein weiteres Dokument für die Genialität von J. S. Bach. Hier spürt man sofort, zu welcher wahren und unendlich scheinenden Meisterschaft  J. S. Bach fähig war, denn er schaffte es mit diesen 6 Sonaten nicht nur die beiden Instrumentengattungen jeweils in ihrer ganzen Perfektion wiederzugeben, sondern darüber hinausgehend deren musikalische und klangliche Möglichkeiten in einem zum Teil die Genialität der Einzelinstrumentenwerke sogar übertreffenden Zusammenspiel noch einmal zu steigern.

Und die beiden Musiker Daniel Gaede und Raphael Alpermann sind jederzeit in der Lage, diese Vorgaben, die Denk-  und kompositorischen Ansätze und Anforderungen mit Bravour und großen Können zu erfüllen und wiederzugeben. Ihr Spiel ist von einer enorm großen Virtuosität geprägt, zeigt aber ihre ganze Ausdruckskraft und ihre rhythmischen und dynamischen Fähigkeiten erst in dem von einem gemeinsamen Gedanken geprägten Zusammenspiel der beiden Instrumente.

Cembalo und Violine sind völlig gleichberechtigte Partner, die die Zuhörer:innen von Beginn an in ihren Bann ziehen. Weiche, fließende Linien in verschiedenen Tonarten mit einem schier grenzenlosen Melodienreichtum und eine klangliche Farbpalette, die sogar feinste Nuancen deutlich macht, ohne dabei jedoch nur einzelne Teile des hier so viel wichtigeren „Ganzen“ zu betonen.

5 der sechs Sonaten sind viersätzig aufgebaut und auf den jeweiligen langsameren Eingangssatz folgt sodann ein schnellerer Satz in fugierter Form, dann ein weiterer langsamer Satz in einer anderen Tonart und schließlich ein zweiter fugierter Satz. Nur die G-Dur Sonate stellt eine Ausnahme da, die hier in einer überlieferten fünfsätzigen Fassung musiziert wird.

Bach hat diese 6 Sonaten trotz der leicht wahrnehmbaren Unterschiede als einen zusammenhängenden Werkverband verstanden und in diesem Geiste und mit diesem Wissen, spielen Gaede und Alpermann sie auch. Faszinierend!

Diese CD verleitet dazu, sie nicht nur immer wieder hören zu wollen, sondern insbesondere auch dazu, sie laut zu hören. Die Musik umspielt einen dann förmlich und man ist „in der Musik“ und hört dieser nicht mehr nur zu. Gerade Aufnahmen einer Violine sind nicht immer dazu geeignet, sie wirklich laut hören zu können, da das Instrument die Wiedergabegeräte und die Zuhörer:innen zum Teil fordert.

Diese „Trios für zwei Instrumente“, von dem Komponisten, der sowohl in der Streicher- als auch der Tasteninstrumentenmusikliteratur die Maßstäbe gesetzt hat, hat mit den 6 Sonaten für Violine und Cembalo ein weiteres Wunderwerk erschaffen, dass beide Gattungen zu einer neuen kompositorisch, musikalisch und klanglich perfekt zueinanderpassenden Gattung geführt hat. Carl Philipp Emanuel Bach zählte die 6 Sonaten (BWV 1014-1019) zu den besten Arbeiten seines Vaters. Und diese CD zeigt in jeder Sekunde, dass das stimmt.

Der Klang der Doppel-CD ist hervorragend, gerade in Bezug auf die Violine. Ich will jedoch weiterhin nicht wahrhaben (verstehe aber natürlich warum), dass mir das Cembalo im Vergleich zur Violine bei vielen Aufnahmen zu „leise“ erscheint. Es erfordert an einigen Stellen die volle Konzentration der Zuhörer:innen, besonders in Passagen, in denen beide Instrumente die Führung gemeinsam übernehmen. Das geht mir übrigens bei nahezu allen CDs mit Cembalo so.

Dass TACET hier wieder „2 CDs zum Preis von einer“ anbietet, verdoppelt einfach nur die große Freude über diese Aufnahme, bei der die beiden Instrumente sowohl für sich, als auch als „Trio-Instrumente“ spielen und die Zuhörer:innen schlichtweg durch eine überragende Schönheit und menschliche Sinnlichkeit verzaubern.

Wie gesagt, das ist für mich eine der besten CDs des ganzen Jahres. Eine perfekte Aufnahme mit  Sonaten für Violine und Cembalo, und damit einem Werkverband, der den bekannten und so berühmten Werken aus den reinen Streich- und Tastenkompositionen von J. S. Bach in nichts nachsteht!

Absolut empfehlenswert!

TACET 258 Gesamtspielzeit: 83:20

https://peter-pirazzi-stiftung.de/wettbewerb/jury/daniel-gaede/

https://akamus.de/de/musiker/raphael-alpermann

www.tacet.de