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11 Fragen an… Mario Knapp/Mobile Ethnic Minority

Hier nun das erste Interview der neuen versprochenen Reihe: „11 Fragen an…“

In meinem Beitrag vom 07.04.21, s.u.,hatte ich das letzte Album von Mobile Ethnic Minority „FIVE FIFTYNINE“ rezensiert. Dieses überzeugte nicht nur musikalisch, sondern ist auch klanglich so gut, dass sogar viele Hifi-Händler die LP als Vorführplatte nutzen. Das kann auch nicht jeder von seinen Alben behaupten…

Ein lockeres Gespräch mit einem lockern und interessanten Künstler: 11 Fragen an den Kopf hinter MEM, Mario Knapp:

1.  Was müssen Menschen, die Dich noch nicht kennen, über Dich persönlich wissen?

Mario: Ich bin froh, dass Du das fragst… dass ich ein extrem gutaussehender, intelligenter und humorvoller Kerl bin haha. Ok im Ernst, ich bin in einem kleinen Kaff in Hessen aufgewachsen, konnte aber gleich nach der Schule nach München fliehen. Ich bin Musiker und mache als Ein-Mann-Orchester ‚Mobile Ethnic Minority‘ Platten mit englischsprachigen Songs.

2.  Wie bist Du zur Musik gekommen und was bedeutet es Dir Musik zu machen?

M.: Ich erinnere mich, dass unter den Jungs im Dorf Musik machen als uncool galt. Richtige Jungs spielten Fussball, prügelten sich. Meine Grundschullehrerin sang mit uns jeden morgen ein Lied, also brüllte ich absichtlich schräge Töne, um wie die anderen Jungs auch cool zu sein. Bald aber merkte ich, dass es den Mädels sehr gefiel, wenn man schön singen konnte. Also nervte ich jahrelang täglich meine Mutter mit lautem Gesang in der Küche, während sie die Wäsche bügelte. Mit 13 schenkten mir meine Eltern dann aus Verzweiflung eine Gitarre, vermutlich hofften sie, dass ich bald die Geduld verlieren und aufgeben würde. Ich nahm ein paar Stunden und trat bald mit meinem Gitarrenlehrer auf Dorffesten und Weihnachtsfeiern auf. Er sagte zu mir: “Wenn es dir wirklich ernst ist, musst du weggehen, in die Stadt.” Das gefiel mir, weggehen, raus aus dem Dorfmief, rein in die grosse, grenzenlose weite Welt der Musik. Was andere gerne ‚Realitätsflucht‘ nannten, war für mich das Eintreten in die wahre, wirkliche Welt. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

3.  Was ist Dein Ziel, was willst Du mit Deiner Musik den Zuhörer*innen vermitteln?

M.: Die Schönheit und die Magie von Musik zu feiern. Die Kraft, im Innersten zu berühren, Freude oder Trost zu spenden.

4.  Was hat Corona für Dich als Künstler im letzten Jahr bedeutet und was bedeutet es heute noch?

M.: Zuerst hab ich von Corona wenig mitbekommen, da ich schon 3 Monate vor dem ersten Lockdown quasi in Isolation war, um mein 2020-Album FIVE FIFTYNINE zu produzieren. Das ist meine Arbeitsweise: im Labor einschliessen, und wenn die Arbeit getan ist, wie ein Erdmännchen den Kopf aus seinem Bau herausstrecken und sich wundern. Natürlich wurden alle Konzerte gecanceled. Fatal, denn Konzerte bringen Musik und Menschen zusammen. Als FIVE FIFTYNINE im Herbst dann draussen war, habe ich mich kurz geschüttelt, gefragt was denn das Wenige ist, was ich tun kann, und dann sofort begonnen, THE HOUSE OF TOMORROW aufzunehmen. Es klingt paradox, aber Corona bedeutete für mich, sich zurückzuziehen, um mit Musik auszusprechen, was uns alle verbindet.

5.  Am 04.06.2021 kommt nun Dein schon 11. Album heraus. Ich kenne Deine anderen Alben und bin überrascht, denn wieder einmal hat sich Dein Stil ebenfalls zu Deinem richtig guten Vorgängerwerk „FIVE FIFTYNINE“ völlig gewandelt. Was erwartet die Zuhörer*innen auf der neuen Platte THE HOUSE OF TOMORROW?

M.: Danke Dir, ich liebe jedes meiner Kinder gleichviel, aber alle klingen anders. Wiederholung langweilt mich. Jeder neue Songtext verlangt ja nach einem eigenen musikalischen Ausdruck. FIVE FIFTYNINE ist eher ruhig, zärtlich, melancholisch, daher viel Akustikgitarre und Ambience. Bei THE HOUSE OF TOMORROW geht es mehr um ‚Power to the Soul‘, Aufmunterung, positive Energie, Liebe und Mut für eine hoffentlich andere, bessere Zukunft. Die Lyrics forderten mehr Rhythmus, daher viele Trommeln und Elektrogitarren. Mehr Puls, mehr Dreck, aber auch Spiritualität aus dem Bauch heraus.

6.  Wie siehst du die aktuelle Musikszene und die Vielfalt in Deutschland?

M.: Ich bin leider ein verdammter Einzelgänger und muss die Nachteile akzeptieren, die daraus entstehen. Wenig Austausch gehört zum Beispiel dazu. Ein Grossteil der Musikindustrie/des Musicbiz ignoriert mich, deshalb ziehe ich mich ein wenig trotzig zurück und tue das Gleiche. Allgemein finde ich aber, dass den Künstlern mit Mut zu Eigenständigkeit und Innovation hierzulande gerne Steine in den Weg gelegt werden. Stile zu kopieren ist erwünschter. Die Vielfalt und der Rock’n’Roll leiden, auch in der Gesellschaft. Verdammt spiessig und engstirnig so manches, finde ich. Aber ich glaube, das ändert sich, weil viele junge Leute die Schnauze voll haben und sich ihre eigene Zukunft bauen. Auf der Suche nach ihrer eigenen Stimme. Ich warte auf den nächsten Rio Reiser, die neuen Kraftwerk, die nächste Nina Hagen. Vielleicht sind die schon längst da, aber werden noch nicht gesehen. Ich möchte ihnen zurufen: Boys and Girls, seid Piraten und Seeräuberinnen, übernehmt das Ruder und macht euer Ding!

7.  Du spielst ja fast alle Instrumente selbst und singst auch. Das ist schon etwas ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

M.: Vielleicht weil keiner mich fragt ob er/sie einsteigen kann? Für alles was ich selber mache gibt’s zweifellos Unzählige, die tausendmal besser sind als ich. Singen, Gitarre spielen, Bass spielen, egal was. Ich bin das genaue Gegenteil von einem Virtuosen. Aber ein Instrument zu spielen und Musik zu spielen sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ein guter Gitarrist ist nicht automatisch ein guter Musiker. Bevor ich jemandem zuhöre, der nur zeigen will wie toll er ist, spiel ich’s lieber selbst so gut ich eben kann. Wenn ich dann zu viele Noten spiele, kann ich mir selbst in die Eier treten und muss nicht jemand anders abwürgen oder gar verletzen. Songs verzeihen gerne Fehler, aber keine Eitelkeit oder Ego. Meine Alben sind für Leute gemacht, die Musik hören wollen, und nicht Technik. Ich habe beispielsweise mit Drummern gearbeitet, die wie ein verdammtes Uhrwerk spielten, wie eine Maschine, jedoch seelenlos und langweilig. Aber Ich hatte auch das Glück und die Ehre, Menschen zu begegnen, die grossartige Instrumentalisten UND grossartige Musiker sind. Die gibt’s bestimmt überall, nur leider leben die meisten von denen die ich bisher treffen durfte in Amerika. Ausserdem ist da noch viel mehr als ’nur‘ gemeinsam zu musizieren. Es muss einfach passen, sonst kracht’s irgendwann.

8.  Ich habe viele Musiker*innen unter meinen Leser*innen. Daher die Frage an Dich: Welche Instrumente Verstärker usw. spielst Du genau?

M.: Ok, ein klein bisschen ‚gear porn‘ – meine Vocals recorde ich immer mit 2 Mics, einem Microtech Gefell Grossmembran, und einem billigen Bändchenmikrofon. Meine Akustikgitarre ist eine Martin, recorded mit 2 Mics und/oder mit einem magnetischen L.R.Baggs-Pickup in den Gitarrenamp. Sie hört auf den Namen Martina! E-Gitarre 1 ist eine K-Line San Bernardino, Jazzmaster shape, mit P90-Pickups, die Chris Kroenlein in St. Louis/USA gebaut hat. Sie heisst Carolina! E-Gitarre 2 ist eine Fender Thinline Telecaster, schlicht Teleschatz genannt! Ich spiele immer über ein altes Korg SDD 3000 Delay aus den 1980er Jahren in meine beiden Röhrenverstärker, einen alten Vox, und einen neueren Supro. Manchmal kommen ein alter Russen-Big Muff, ein altes Ibanez DM1100-Delay und ein grünes Line6-Delay mit Expression-Pedal zum Einsatz. Alle Klänge/Sound Layers/Ambientsounds, zum Teil auch Drums, erzeuge ich mit der Gitarre und jedem Haushaltsgerät, das ich finden kann, Topf, Pfanne, Holzlöffel –  auch ‚das Studio‘ ist für mich ein Instrument mit unendlichen Möglichkeiten. Als Bass dient ein einfacher J, ma jolie Cheri! Keyboards/Synthies besitze ich nicht. Aufgenommen wird in ProTools, abgehört und gemischt auf alten Tannoy-Nahfeld-Passivspeakern und einem Telefunken-Verstärker aus den 1970ern.

9.  Stimmt es, dass Du Deine Produktionen alle selbst machst?

M.:  Ja, bis auf’s Mastering, für das mein good old friend und Kollege Tim Höfer sorgt, mache ich alles selbst. Das liegt an meiner Arbeitsweise, weil bei mir texten, spielen, aufnehmen und mischen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig ablaufen. Da ist vielleicht nicht mehr als eine kleine Melodie, oder eine Textzeile, oder ein Drumbeat, ich drücke auf ‚record‘ und lasse den Dingen ihren freien Lauf. So ist fast alles wie beim Improvisieren ‚das erste Mal‘, möglichst reine Emotion, ohne nachzudenken. Die Songs bilden sich erst danach im Zusammenwirken aller Prozesse heraus. Ich bastle, verändere Sounds, füge hinzu, aber schmeisse vor allem wieder weg. Verdammt zeitraubend das Ganze, und nicht unbedingt weiter zu empfehlen. Ein Sound Engineer an meiner Seite – unmöglich zu bezahlen!

10. Du veröffentlichst Deine Alben fast alle nur auf Vinyl, übrigens immer hervorragend gepresst. Auch klanglich haben mich bislang alle Deine Alben überzeugt. Ich kenne einige Hifi-Händler in Deutschland und in der Schweiz, denen nicht nur die Musik ebenfalls so gefällt wie mir, sondern die Deine Platten sogar zu Vorführungen nutzen. Warum also immer Vinyl?

M.: Dankeschön, das freut mich zu hören! Ja, digital und Vinyl. Gepresst wird bei Optimal Media, 180g. Dass Händler meine Platten zur Vorführung ihrer edlen Anlagen benutzen, ist für mich eine grosse Ehre! Und es tröstet mich und richtet mich wieder auf, wenn mich mal Selbstzweifel plagen! Warum Vinyl? Vinylhörer sind Geniesser – hinsetzen, entspannen, Kippe, Bierchen oder Weinchen, eintauchen… ein Musikerfreund sagte mal zu mir: “Vinyl is the future”!

11. Wie immer zum Schluss, meine Wunschfrage: Wenn Du Dir was wünschen könntest, was wäre es?

M.: Hmm mal sehn, ich wünsche mir keine Wünsche zu haben – endlich Frieden haha…

Hier die Ankündigung des neuen Albums:

Und die Rezension des aktuellen:

Hier noch ein paar links, ein Video (mit neuestem Song!):

Der Youtubekanal:

https://www.youtube.com/channel/UCezW8rwMzD8LXv-_zDZfKuw

Homepage

https://mobileethnicminority.com/music.html

Galileo Music webshop: https://www.galileomusic.de/artikel/23349/Mobile_Ethnic_Minority_Five_FiftyNine

DaCapo Schallplatten:

https://www.dacapo-records.de/11807-1180701-MEM-5sig-Mobile-Ethnic-Minority-Five-Fiftynine.html#/1-lp_hulle-ohne/2-lp_optionen-ohne

Bandcamp: https://mobileethnicminority.bandcamp.com/