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Charlie Parker, eine Biografie von Wolfram Knauer

Wenn der 1958 geborene Musikwissenschaftler und Direktor des Jazzinstituts Darmstadt, Wolfram Knauer, ein Buch über Charlie Parker schreibt, wird die Fachwelt hellhörig. Nicht, dass nicht schon viel über den amerikanischen Saxophonisten geschrieben wurde, aber Knauer ist nicht nur Jazzliebhaber, u.a. mehrfacher Preisträger und Lehrender an mehreren deutschen Hochschulen, sondern auch Herausgeber mehrerer wichtiger Publikationen und Mitglied mehrerer Fachgremien. Daneben war er u.a. von 2004 bis 2012 Mitglied im Musikbeirat des Goethe-Instituts und hier sogar ab 2009 dessen Vorsitzender.

Auch international ist er in mehreren Einrichtungen aktiv, so z.B. im Beratergremium des bekannten Jazz at Lincoln Center und an der Columbia University, wo er als erster nicht-amerikanischer „Louis Armstrong Professor of Jazz Studies“ lehrte.  

Wenn also ein Fachmann und Jazz-Liebhaber wie Knauer sich mit einen bekannten Musiker und Komponisten beschäftigt, kann man immer etwas Neues erwarten. Und diese Erwartung wird mit dem vorliegenden Buch nicht enttäuscht. Im Gegenteil.

Das rund 200 seitige Werk zeigt das Genie Parker in allen seinen Facetten. Der Erneuerer, der Begründer, der Revolutionär und der Visionär des Jazz. Der Mann, der federführend den Jazz zu einer neuen und großartigen Kunstform transformierte. Noch heute basieren viele moderne Einflüsse im Jazz auf den Arbeiten und dem neuen musikalischen Denken Parkers, dessen 100 Geburtstag wir im Jahr 2020 gefeiert haben. Dieses Datum ist umso tragischer, wenn man berücksichtigt, dass Parker nicht einmal 35 Jahre alt wurde. Was hätte dieser in jeder Hinsicht immer die Grenzen des Machbaren überschreitenden Ausnahmekünstlers und weit über den Jazz hinaus bekannte und geschätzte Mensch uns noch alles geben können? Welche neue Wahrnehmungen und Erfahrungen hätten wir noch machen können?

Oder ist es gerade dem Lebenswandel und der Art und Weise des obsessiven Auslebens aller Einflüsse geschuldet, dass Charlie Parker in so kurzer Zeit so viele Mauern einreißen und zugleich neue musikalische Tempel auf den Ruinen aufbauen konnte?

Parker war immer interessiert an klassischer Musik und allen Kunstformen und ließ diese in seine Musik und seinen schlichtweg als revolutionär zu bezeichnenden Spielstil einfließen. Was hätte Parker alles Neues erschaffen, wenn er, wie er es vorhatte, wirklich bei Nadia Boulanger in Paris  studiert, und dort dann, wie er es plante, immer für 6 Monate eines Jahres gelebt hätte?

Es ist erschreckend, dass Norman Granz bei der Finanzierung seiner Beerdigung finanziell aushelfen musste und ein dreieinhalbstündigen Gedenkkonzert bekannter Künstler*innen in der Carnegie Hall, drei Wochen nach seinem Tod, nur dazu diente, Geld für die Ausbildung seiner Kinder zu sammeln. Wie bewegend ist es auf der anderen Seite, wenn man die Namen der Musiker*innen liest, die an dem Konzert teilnahmen.    

Die Biographie zeigt auf „nur“ rund 200 das Leben, das Werk und die Selbstzerstörung des Musikers und Menschen Charlie Parker auf. Die Schwerpunktsetzung und die Auswahl der wichtigsten Informationen ist Knauer perfekt gelungen. Hätte er mehr Details wiedergeben können? Zweifellos, denn, wie dargestellt, Knauer hätte dies fachlich jederzeit gekonnt. Seine Auswahl, seine Reduktion ist aber gerade einer der Vorteile, denn wir alle kennen das: Eine Biographie mit 600, 700 oder sogar noch mehr Seiten, wird wegen der ganzen Details (oder manches Mal auch Nebensächlichkeiten?) irgendwann schwer lesbar und dient eher der wissenschaftlichen Reputation des Autors oder der Autorin, ist aber für große Lesekreise einfach zu „schwer“.

Die Biografie von Knauer schafft daher den goldenen Mittelweg. Ein Buch, dass beim Lesen selbst Kennern ein paar neue Informationen geben kann, aber gerade auch einem „Anfänger“, immer mitnehmen und mitreißen kann.

Ich habe an ganz vielen Stellen das Lesen unterbrochen, um mir kurz die im Buch gerade genannten Künstler und deren Werke anzusehen und um am Plattenschrank die gerade im Buch angesprochene Musik anzuhören. Ein ganz großer Spaß (und das ist wichtiger, als viele Autorinnen und Autoren es wahr haben wollen) und zudem ein großer Gewinn, denn, wenn man alles zusammenführt, kann man das Genie Charlie Parker wirklich verstehen. Man weiß dann auch, was der nachfolgende Satz von Charlie Parker aussagt:

„Musik ist deine eigene Erfahrung, sind deine Gedanken, ist deine Weisheit. Wenn du sie nicht lebst, kommt sie nicht aus deinem Horn“.

Bird lives!

Wolfram Knauer, Charlie Parker, Reclam Verlag, Taschenbuch 20342, 2014, 12,90 EUR

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