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Mein Hörtipp: Fedor Rudin und Boris Kusnezow; „Heritage“ – Denisov, Debussy, Shostakovich, Prokofiev

Mit seiner letzten großartigen CD „Reflects“ war der Violinist Fedor Rudin für den „International Classical Music Award“ nominiert. Nun, mit seiner neuesten CD „Heritage“, stellt er den Zuhörer:innen gemeinsam mit dem Pianisten Boris Kusnezow u.a. die Musik seines berühmten Großvaters Edison Denisov vor, der bis 1990 in Moskau lehrte und komponierte und einen ungemein wichtigen Beitrag zur Diversität der russischen Musik in den turbulenten Jahren nach 1945 lieferte.

Die CD, aufgenommen im Spätsommer 2021 im SWR Funkstudio in Stuttgart, bietet den beiden Musikern die Möglichkeit aus einem breiten Angebot herausragender Komponisten und deren Musik ihre Vorstellungen umzusetzen. Das große Ziel? Durch diese die musikalische Entwicklung in ihrem Geburtsland darzustellen. Geschichtsunterricht durch und mit Musik.

Der französisch-russische Geiger und Dirigent Fedor Rudin. Der 1992 in Moskau als Enkel des berühmten russischen Avantgarde-Komponisten Edison Denisov geborene Musiker wuchs in Paris auf und spielte trotz seines noch jungen Alters bereits mit vielen namhaften Orchestern und als Konzertmeister mit einigen weltbekannten Dirigenten zusammen. Er besitzt als Leihgabe ein sehr bekanntes Instrument, die „ex Benecke“, ein wahres Meisterwerk von Stradivari aus dem Jahre 1694.

Der ebenfalls in Moskau geborene Pianist Boris Kusnezow spielte bereits zahleiche CD-Aufnahmen ein, konzertierte in viele großen Häusern und war u.a. für den Opus Klassik und den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert. Er ist Gründer der Klavier-Kammermusik Akademie „Chamber Lab“ im italienischen Montecastelli und lehrt an als Professor für Klavier-Kammermusik an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelsohn Bartholdy“ in Leipzig.

Die beiden Musiker präsentieren hier wirklich sehr interessante neue Werke, die allesamt in der Mitte des letzten Jahrhunderts von Komponisten verschiedener Generationen geschrieben wurden. Dabei stellen sie aber auch solche vor, die bisher eher selten oder gar nicht veröffentlicht wurden. Neben den „Drei Konzertstücken für Violine und Klavier“ von Denisov sind Kompositionen von Debussy, Prokofiew, Schostakowitsch und Mussorgsky zu hören.

Man spürt von der ersten Minute an, dass diese beiden Musiker eine langjährige persönliche und über das gemeinsame Musizieren hinausgehende Freundschaft verbindet, denn beide spielen eher zurückhaltend, geben dem anderen Raum und versuchen niemals auf Kosten des jeweils anderen z.B. sich durch eine Präsentation der eigenen technischen Brillanz in den Vordergrund zu „spielen“.

Die Musik der beiden entspricht der Stimmung, der enormen Kraft und dem zum Teil von den Komponisten ganz bewusst eingesetzten „Aufwühlens“. Besonders die Tonfarben der Miniaturen von Denisovs zeigen, zu welchen ganz leisen und dennoch so einnehmenden melodischen Linien und feinsten Strukturen die beiden fähig sind. Hier verstehen sich zwei blind. Man hört auf den anderen und wartet nicht nur, bis man selbst wieder die „Führung“ übernimmt, sondern schafft durch seinen eigenen Beitrag aktiv musikalische und interpretatorischen Räume für beide. Immer unter Berücksichtigung des Kerns des jeweiligen Werkes.

Sie schaffen es die Zuhörer:innen in diese ganz besondere Zeit Russlands mit ihrer Aufbruchsstimmung und all ihren Herausforderungen durch die Musik dieser Gruppe von Komponisten hineinzuversetzen und durch diese die Fragen dieser Zeit und die Antworten der Komponisten darauf durch so unterschiedliche Klangbilder praktisch zu visualisieren. Die beiden spielen fast schon vorsichtig und elegant miteinander, schrecken aber keinesfalls vor dynamischen Sprüngen und fast schon schroffen Tönen zurück, wenn die Musik dies erfordert. Sie verfolgen eher eine lyrische Sicht, versuchen aber erst gar nicht, die gewollten Brüche der russischen Post-Avantgarde abzurunden oder gar weicher zu interpretieren.

Und genau diese Fähigkeit, in Kombination mit der überraschend gelungenen Auswahl der Komponisten und der Werke, lassen die gesamte CD mit allen Titeln auf einem gleich hohen Niveau erscheinen.

Der Aufbruch in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg war gerade auch in Russland eine Phase der Kurswechsel, dem Finden neuer Richtungen, der harten Brüche mit Altem und dem Austesten des Neuen. Die CD zeigt quasi die Quintessenz diese sehr aufwühlenden und dennoch so ungemein produktiven Zeit mit allen ihren Schwierigkeiten, Kämpfen und Aggressionen in den Kreisen der Kunst- und Kulturschaffenden und zwischen diesen, der Gesellschaft und der jeweiligen politischen Führungen. Nach 1945 folgten schließlich mehrere Jahrzehnte einer musikalischen Neuausrichtung im Nachkriegsrussland und die hier versammelten Werke bieten einen wunderbaren Einblick dar. Einen, mit einem großen Repertoirewert.

Fazit

Die hervorragend aufgenommene CD gibt den Zuhörer:innen einen tiefen Einblick in die musikalische Entwicklung nach 1945 in Russland. Musiziert von zwei russischen Emigranten, die trotz oder gerade deswegen die notwendige Distanz haben, um so die Werke unter Berücksichtigung ihrer Entstehung und ihres Einflusses auf die Entwicklung ihres eigenen Landes mit all ihrer Vielfalt wiederzugeben.

Eine fast 75 Minuten lange CD mit herausragenden Musikern, einer sehr spannend gewählten Palette von Komponisten und Werken und dem Ziel, den Zuhörer:innen musikalisch die Neuausrichtung aufzuzeigen und „hörbar“ zu machen. Schön, dass besonders die „Drei Konzertstücke für Violine und Klavier“ von Edison Denisov mit dabei sind, denn alleine sie sind eine wunderbare Entdeckung. 

Fedor Rudin

Boris Kusnezow:

https://www.boriskusnezow.com/de/

www.orchidclassics.com