Seite wählen

Mein Hörtipp: Schubert – Winterreise mit Peter Mattei (Bariton) und Lars David Nilsson (Klavier)

Die Winterreise, ein Zyklus von 24 Liedern für Klavier und Gesang. Geschrieben von Franz Schubert kurz vor seinem leider viel zu frühen Tod (1828) mit nur 31 Jahren. Ein Werk, dass wirklich jeden Menschen berührt und nicht selten sprachlos macht. In vielen Aufführungen durfte ich selbst miterleben, wie nach den letzten Tönen des Leiermanns für Minuten eine absolute und fast beklemmende Stille herrschte. Eine Stille, die ein wichtiger Teil der Musik und des Ganzen zu sein schien. Nach einer Aufführung ist eigentlich der sofort aufsteigende Applaus das, was man erwartet. Nicht so bei Schuberts Winterreise.

Der Liederzyklus gehört zu Werken der Musik, die den Menschen immer wieder mit den verschiedensten starken Gefühlen konfrontiert: Angst, Einsamkeit, Ehrfurcht und tiefe emotionale Traurigkeit, um nur einige zu nennen. Nicht selten wird man sprichwörtlich innerlich aufgewühlt und durch das Werk geradezu brutal mit seinem eigenen Leben mit allen seinen auch negativen Facetten konfrontiert, um dann wiederum nur wenige Minuten später in einen Zustand der friedvollen Zufriedenheit und einer erlösenden Entspannung zu geraten.

Schubert – Winterreise mit Peter Mattei (Bariton) und Lars David Nilsson (Klavier)

Die Winterreise zu singen und zu spielen erfordert von beiden Musiker:innen eine große Leistungs- und Hingabebereitschaft. Der Part des Klaviers ist dabei keinesfalls geringwertiger einzuschätzen, denn das Klavier ist nicht Begleitung, sondern eine zweite Stimme, die neben dem Text einen eigenen musikalischen und interpretatorischen Inhalt und damit eine wichtige Haupt-, und nicht nur eine Neben-Rolle einnimmt.

Auch nach sehr vielen Aufführungen kann ich die Winterreise nicht nur im Hintergrund hören. Nach nur wenigen Minuten ziehen mich Musik und Text dieses unglaublichen Werkes tief in die zum Teil magischen und dramatischen Stimmungen hinein. Neben „Schwanengesang“ und „Die schöne Müllerin“ eines der drei großen Meisterwerke der Gattung.

Müsste man die Wirkungen der Winterreise auf die Zuhörer:innen in nur einem Satz beschreiben, würde ich sagen, dass man nach dem Erleben nicht mehr der Gleiche ist, wenn man die Winterreise mit allen ihren emotionalen Momenten offen an sich „herangelassen“ hat.

Das gilt sicher auch für die Musiker:innen, denn das Werk kann man nicht einfach nur vortragen. Eine Aufführung der Winterreise ist immer sehr persönlich und verlangt eine völlige Versenkung und vielleicht sogar eine Verschmelzung der eigenen Persönlichkeit mit den Inhalten. 

Schubert – Winterreise mit Peter Mattei (Bariton) und Lars David Nilsson (Klavier)

Es gibt viele Einspielungen der Winterreise und man muss sich die Frage stellen, ob es einer weiteren bedurfte. Die Antwort hier ist ein klares Ja!

Lars David Nilsson am „Grand Piano: Steinway D“, ist ein ebenbürtiger und gleichberechtigter Partner des Sängers. Der u.a. an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm ausgebildete Musiker ist auch Kirchenmusiker, eine zusätzliche musikalische Perspektive, die man hört. Er hat sich seit seiner Jugend mit dem klassischen Liedrepertoire intensiv beschäftigt und hat viele Jahre mit Peter Mattei zusammengearbeitet und gemeinsam mit ihm 2018 eine große Winterreise-Tournee durch Skandinavien absolviert. Sein Spiel ist in der Lage die gesamte Dramatik der Geschichte mit den Mitteln des Klaviers zu erzählen. Er begleitet nicht, er hat eine wichtige Rolle, die dann in der Zusammenführung beider „Stimmen“ das wunderbare Ganze ergeben.

Der Bariton Peter Mattei, ebenfalls in Schweden ausgebildet, gilt als herausragender Sänger und hat mit den besten Orchestern und Dirigenten zusammengearbeitet. Er ist weltweit an den größten Opernhäusern aufgetreten und arbeitete u.a. auch mit den größten Regisseuren unserer Zeit zusammen.

Die beiden Musiker schaffen es, was eine herausragende Aufnahme der Winterreise schaffen muss, aber auch kann. Die Zuhörer:innen praktisch zu fesseln. Wie bei einer Konzentrationsübung, wird man bei jeder nur leicht abflachenden Aufmerksamkeit wie von einer magischen Kraft sofort wieder in die Atmosphäre der Lieder mit allen ihren Farbschattierungen und düsteren Affekten zurück- und hineingezogen. Dieser Aufnahme hört man nicht nur zu, man wird Teil von ihr und interagiert mit seinen eigenen Gefühlen und mit den Tönen und Worten. Eine permanente Selbstreflektion und nicht selten eine Art Achterbahnfahrt der Stimmungen und Gefühle. Und das alles in einem Ausmaß, das einen manches Mal wirklich nervös, unruhig oder für ein paar Sekunden ängstlich werden lässt.

Die Aufnahme kann all das. Ein weiteres Merkmal (nicht so unwichtig, wie es vielleicht erscheinen mag) ist dabei die brillante, detaillierte und warme Aufnahme des schwedischen BIS Labels, die immer dem Werk dient und sich nicht durch eigene Besonderheiten in den Vordergrund zu setzen versucht. Das gilt für die CD, aber insbesondere für die SACD Wiedergabe. Zudem eine sehr räumliche Darstellungsform der beiden Akteure, die sich von anderen Aufnahmen im Markt unterscheidet. Nicht selten wird die Stimme bei der Winterreise sehr direkt aufgezeichnet, was aber meiner Meinung nach dem gewollten Aufführungscharakter nicht so nahekommt, wie es sein sollte. Bei der vorliegenden Aufnahme stimmt die Balance zwischen den beiden Musikern und der zwischen Ihnen und den Zuhörerinnen. Die beiden Künstler stehen in einem sich weit auffächernden Raum vor den Zuhörer:innen und lassen diese an der Dramatik, Verzweiflung und der sich aufdrängenden Emotionalität unmittelbar teilhaben. Es ist wirklich beeindruckend, wie selbstlos und ausdrucksstark beide dem Werk dienen und wie selbstverständlich und virtuos sie es bewältigen.  

In einem abgedunkelten Raum, bei etwas mehr als Zimmerlautstärke, wird diese Aufnahme der Winterreise zu einer eigenen persönlichen Reise, einer tief-emotionale Erfahrung auf dem Weg des Erlebens des eigenen Selbst.

Die erste Aufführung der Winterreise erfolgte durch Schubert selbst. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr krank, geschwächt und wohl auch depressiv und weder als Sänger noch als Pianist wirklich herausragend. Dennoch hätte wohl jeder, der das Werk kennt, dieser Aufführung sehr gerne beigewohnt. Wie stark müssen die Empfindungen und erzeugten Gefühle damals gewesen sein?

Schuberts Winterreise war, ist und wird für immer eines der wichtigsten Kulturgüter der Menschheit sein und bleiben.

Große Kunst, ausgezeichnet aufgeführt und perfekt aufgenommen, die jederzeit in der Lage ist, den Zauber der Winterreise hervorzubringen. Phantastisch!

Als Ergänzung zur CD möchte ich einen Buchtipp aussprechen:

Ian Bostridge: Schuberts Winterreise, Lieder von Liebe und Schmerz, erschienen im Verlag C-H-Beck (2015). Ian Bostridge gilt selbst als einer der besten Liedsänger unserer Zeit und nicht nur aus diesem Grunde ist sein fast 400-seitiges Werk über die Winterreise ein gleich mehrfacher Genuss. Sehr empfehlenswert!

CD: BIS-2444 SACD

Mehr Infos zu Peter Mattei:

https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Mattei

Ein Video zur Winterreise der beiden Künstler:

Mehr zum BIS Label:

https://bis.se/

Der deutsche Vertrieb von BIS:

https://classicdisc.de/