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Mein Hörtipp: Vadim Gluzman und das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von James Gaffigan; Beethoven und Schnittke, Violin Concertos

Mein Hörtipp: Vadim Gluzman und das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von James Gaffigan; Beethoven und Schnittke, Violin Concertos

Vadim Gluzman spielt eine Geige, die im letzten Jahr 330 Jahr alt wurde. Für mich ist dies immer wieder ein Moment, in dem ich den größten Respekt vor den Arbeiten vergangener Jahrhunderte spüre. Und dabei muss es nicht einmal ein solches Ausnahmeinstrument von Stradivari sein, das heute noch zeigt, was damals an unglaublichen Fähigkeiten bestand.

Vadim Gluzman ist als Künstler weltweit anerkannt. Sein Repertoire ist unglaublich umfangreich, er hat mit nahezu allen namhaften Orchestern und Dirigenten zusammengearbeitet und ist zudem Gründer und Leiter einiger international renommierter Festivals. Und, er ist in wahrer Meister der Violine.

Das Luzerner Sinfonieorchester ist das älteste Sinfonieorchester der Schweiz und wurde bereits 1806 gegründet und ist bekannt dafür, dass es sich u.a. sehr für Repertoireraritäten und zeitgenössische Musik einsetzt. Es erteilt zur Unterstützung der zeitgenössischen Musik u.a. zahlreiche Kompositionsaufträge und fördert besonders junge Musiker:innen.

James Gaffigan gilt als einer der herausragendsten amerikanischen Dirigenten der Gegenwart. Er war in der Zeit vom 2011 bis 2021 Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters und hat in seiner Zeit große Erfolge erzielen können und den hervorragenden Ruf des Orchesters maßgeblich mitbegründet.

Die CD beginnt mit dem Violinkonzert D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven. Mit diesem Werk läutete der Komponist eine neue Ära ein, eine in der der Solist und Orchester erstmalig gleichberechtigt gegenüberstehen. Die Virtuosität des Solisten ist zwar weiterhin gegeben, aber das Orchester ist nicht mehr nur dessen „Beiwerk“. Diesen Prinzipienwechsel macht das Werk dann gleich von Beginn an deutlich. Das vor fast auf den Tag (23.12) genau vor 215 Jahren uraufgeführte Werk bietet dennoch sowohl dem Solisten als auch dem Orchester die Möglichkeiten ihre musikalischen und interpretatorischen Vorstellungen mit einbringen zu können. Und sie tun dies hier in wunderbarer Form.

Es ist wirklich auffallend, wie die Violine mit dem Orchester zusammen musiziert und nicht in einen so häufig anzutreffenden permanenten Wettstreit tritt. Unterstützt durch die sehr gute Aufnahme, gelingt es Vadim Gluzman und dem Luzerner Sinfonieorchester eine ungemein stimmige gemeinsame Sprache zu finden. Eine, in der das Werk mit all seiner Schönheit und seinen vielfältigen Gefühlen zur Geltung kommen kann.

Gerade bei leisen und langsamen Passagen, in denen die Violine in einen gefühlvollen Dialog mit Teilen des Orchesters tritt, wird die tiefe Harmonie und die Fähigkeit der Musiker:innen, den Glanz den das Konzert bietet hell und klar erstrahlen zu lassen. Es ist selbstverständlich, dass ein Meister seines Faches wie Vadim Gluzman die Töne perfekt spielt, dennoch fällt hier ein wunderbarer, klarer, warmer und sehr reiner Ton ohne jeglichen Härten auf.

So modern dieses Konzert zur Zeit der Entstehung war, an der Tradition den Solisten in mehreren Kadenzen Raum für freie Improvisationen zu ermöglichen, hielt Beethoven weiter fest. Übrigens hat er erst mit seinem 5. Klavierkonzert mit dieser Tradition gebrochen und den Solisten dort vorkomponierte Kadenzen vorgeschrieben. Schade, dass es heute eher selten anzutreffen ist, dass in der „Klassik“ wirklich improvisiert wird. Noch bis kurz vor dem Ende des 18. Jahrhunderts war dies der Normalfall und führte sicherlich zu vielen neuen und sehr abwechslungsreichen Aufführungen.

Vadim Gluzman und das Luzerner Sinfonieorchester spielen dieses Konzert von Beethoven mit einer wunderbaren Leichtigkeit und einer Sinnlichkeit im Klang und der Setzung eigener Schwerpunkte. Sie halten die Vorgaben der neuen Form ein und lassen Solisten mit Orchester in einem „Gleich-Klang“ treten, der von vielen feinsten Finessen und einer enorm luftigen Klang-Natürlichkeit geprägt ist, ohne dabei jemals in „technische Kabinettstücken“ zu verfallen. Es erscheint alles so leicht und geradezu schwebend und selbst in den schnellen dynamischen Teilen verlieren die Musiker:innen niemals diese Spiellust und Natürlichkeit, die die Harmonie des Ganzen hier so stark prägt. Der präzise aber niemals analytisch wirkende Ton von Vadim Gluzman ist von einer ungeheuren Schönheit geprägt, warm und prägnant zugleich.

Das Konzert No. 3 von Alfred Schnittke zeigt gleich in den ersten Minuten des Werkes auf, das der Komponist die Zuhörer:innen auffordert ihm zuzuhören. Sehr genau zuzuhören, denn auch dieses Konzert beginnt solistisch und mit einer Eingangskadenz, hier jedoch einer mit Ketten aus Vierteltontrillern und führt dann direkt in eine Auseinandersetzung mit der Gattungsgeschichte u.a. durch zum Teil grenzüberschreitende musikalische Momente. 

Bereits die Besetzung unterstützt diesen Anspruch weiter, spielen hier doch 13 Bläser und ein Streichquartett zusammen und mit dem Solisten sind es praktisch drei Klangkörper, die sich gegenseitig herausfordern, sich entgegentreten, sich scheinbar bekämpfen um dann mit einem fortdauernden Wechselspiel schließlich wieder auf einem gemeinsamen Weg zueinanderzufinden.

Die Musiker:innen, allen voran Vadim Gluzman, schaffen es mit Bravour die besonderen Anforderungen an Tempi, Dynamik und Intensität zu meistern und die spielerisch erscheinenden Interaktionen der improvisatorischen Elemente des Werkes ungemein spannend darzustellen, ohne dabei ins nervige abzurutschen.

Eine wunderbare produzierte und aufgenommene CD/SACD mit zwei unterschiedlichen und gerade deshalb ungemein spannenden Violin Konzerten. Meisterhaft musiziert und besonders von Vadim Gluzman in bewundernswerter technischer und emotionaler Virtuosität gespielt.

Was hätte Stradivari wohl dazu gesagt, wenn er erfahren hätte, dass mit seinem Instrument 330 später solche wunderbar-abwechslungsreiche Musik aufgenommen wird? Musik, die wieder einmal deutlich macht, dass die „Klassik“ keineswegs zum alten Eisen gehört, wirklich gar nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat und sich heute noch immer kontinuierlich weiterentwickelt. Diese CD ist wie ein spannender abendfüllender Spielfilm, der abwechslungsreich und auf höchstem Niveau die ganze Palette der Kunstform widerspiegelt.

Phantastisch!

BIS – 2392

www.bis.se

Vadim Gluzman

http://vadimgluzman.com/

Luzerner Sinfonieorchester

https://sinfonieorchester.ch/de

James Gaffigan

Alfred Schnittke

Mein Hörtipp: Kappeler & Zumthor: Herd

Mein Hörtipp: Kappeler & Zumthor: Herd

Die Pianistin Vera Kappler und der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor loten mit ihrem Duo die Grenzen zwischen Jazz und Neuer Musik aus. Sie schaffen es in ihren 11 Songs (alles Eigenkompositionen) immer wieder neue spannende Geschichten zu erzählen, alle mit einnehmenden Spannungsbögen, Changes und einer besonderen Form einer inneren Klangästhetik. Dieser musikalische Fluss lebt von und durch die starken Bilder, die die beiden Musiker:innen hier erzeugen. Dies ist eine eigene, eine herausfordernde, aufrüttelnde, anrührend und immer wieder einfach schöne musikalische Sprache.

Die Linernotes des im Dezember 2020 in den Hardstudios Winterthur aufgenommenen Albums wurden verfasst von dem Schriftsteller Reto Hänny und dessen einleitenden Worte beschreiben dieses Album eigentlich perfekt:

„Unerhört. Diese Musik, eigentlich jede, die den Namen verdient, aber diese speziell, braucht einen leeren und hellwachen Kopf…Ist das noch Jazz? Gegenfrage: Was ist Jazz?“

Intakt CD 367/2021

Mein Hörtipp:  Angelika Niescier und Alexander Hawkins: Soul in Plain Sight

Mein Hörtipp: Angelika Niescier und Alexander Hawkins: Soul in Plain Sight

Das neue Album von Angelika Niescier und Alexander Hawkins ist erschienen. Die Duo-CD der Saxofonistin und des Pianisten stellt das Ergebnis einer längeren Konzert-Zusammenarbeit der beiden Künstler:innen dar. Ende September 2020 gingen die beiden schließlich ins „Loft Köln“ um ein gemeinsames Studio-Album zu produzieren. Mit „Soul in Plain Sight“ zeigen sie nun, warum sie zu recht zur Spitze der weltweiten Jazzavantgarde gehören.

Nur ein paar kurze schnelle und mehrere Oktaven umspannende Klaviertöne von Hawkins und die Reise der beiden beginnt. Es folgen viele Ebenen unterschiedlicher Musikrichtungen/-stilen und individuellen Schwerpunkte der beiden Künstler:innen mit immer neuen Spannungsbögen, schnellen Wechseln, freien Passagen und einer Art „Wiederfinden“ der beiden in Sphären voller fast lyrischer musikalischer Zärtlichkeiten. Gegensätze und Gemeinsamkeiten, die sich immer wieder in freien Passsagen auflösen um sich dann nur wenig später in geradezu gegenseitig anfeuernden, unterstützenden und schwebenden Strukturen und vor Ideen geradezu sprühenden Sound-Improvisationen wieder aufeinander zuzubewegen.

Spannend, temperamentvoll und faszinierend zugleich!

Intakt CD 369/2021

Hier nun ein paar weitere Tipps der Musiker:innen:

Mein Hörtipp: Björn Lücker und Andreas Schickentanz: „Suspicion about the hidden realites of sound“

Mein Hörtipp: Björn Lücker und Andreas Schickentanz: „Suspicion about the hidden realites of sound“

Das klingt für mich schon mal sehr spannend: Ein Posaunist und ein Drummer und als Titel ein Zitat des deutschen Naturphilosophen Robert Boyle (1627-1691).

Und dieses wirklich in jeder Hinsicht besondere Duo hält, was diese kurze Einleitung verspricht. Das ist pure Spannung, das sind freie, offene und immer wieder wechselnde Stimmungen, die die Zuhörer:innen immer fesseln. Mehr noch: Die Musik mit ihren atypischen Breaks, zyklischen und antizyklischen Strukturen und den immer neuen rhythmischen Mustern lässt einen nicht mehr los. Wie dicht das Geflecht der Stücke sein kann verwundert manches Mal, ist aber u.a. auch dadurch erklärbar, dass elektronische (Hilfs-) Mittel fester Bestandteil der Songs sind. Ja, zum Teil ist dies eher elektronische Musik mit u.a. akustischen Elementen und vielen instrumentalen Freiräumen. Die Abwechslung der mal schwebenden mal förmlich treibenden Beats, unterbrochen von einer gewissen Atonalität und geradezu liebevoll erscheinenden Dissonanzen, ist in der Gesamtsumme schlicht überwältigend und lässt immer wieder neue dynamische Klangwelten und Bilder bei den Zuhörer:innen entstehen.

Ein ungemein vielschichtiges Meisterwerk, angesiedelt zwischen modalem, freiem Jazz und Neuer Musik und für mich schon jetzt ein Anwärter auf meine persönliche Bestenliste 2021!

Float Music, 2021

Mehr Infos zu den beiden Musikern:

www.bjoernluecker.de

www.andreasschickentanz.de

Neues Interviewformat

Neues Interviewformat

Viele Musiker:innen haben  in der Coronazeit um ihre Existenz gekämpft. Gerade die nicht bei einem großen Label unter Vertrag stehenden und nicht in der breiten Masse bekannten Künstler:innen haben aktuell kaum noch eine Chance sich und ihre Werke der Öffentlichkeit vorzustellen.

Das werde ich ändern und habe daher mit einigen Labels und Musiker:innen ein neues Interviewformat erarbeitet, dass genau diese Möglichkeiten gibt und auf die Wünsche der Kreativen eingeht! Zudem werden Konzerttipps mit im Blog aufgenommen.

Es gibt so viel gute Musik und so viele unglaublich tolle Künstler:innen zu entdecken.

Lassen Sie sich überraschen!